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Rezension

Autoritäre Versuchungen
Signaturen der Bedrohung 1

Mit dem komplexen Zusammenhang von Integrations- und Desintegrationsprozessen in modernen Gesellschaften hat sich Wilhelm Heitmeyer, Gründer und bis 2013 Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, sowohl theoretisch wie empirisch intensiv befasst (Heitmeyer 1997a, 1997b). Insbesondere die Verbreitung und Ausprägungen rechtsextremistischer Einstellungen in Deutschland waren Gegenstand des von ihm koordinierten empirischen Langzeitprojektes „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, dessen Befunde in der zehnbändigen Buchreihe „Deutsche Zustände“ (Suhrkamp Verlag 2002-2011) publiziert wurden. Mit seiner aktuellen Studie schreibt Heitmeyer diese Analysen über Verarbeitungen und Folgen der ökonomischen, sozialen und politischen Krisen bis einschließlich 2017 fort, um damit das Spezifische der heutigen politischen Konstellation gegenüber der Situation der 2000er-Jahre herauszuarbeiten.

In den früheren Analysen – als Referenztext dient ein 2001 erschienener Aufsatz von Loch/Heitmeyer (30 ff.) – bildet die Annahme den Ausgangspunkt, dass die globale ökonomische Integration die Selektionsmacht des Kapitals gegenüber nationalen Wirtschaftsstandorten stärke und, vermittelt über strukturelle Änderungen der Arbeitsmarktbeziehungen, zu einer Schwächung innergesellschaftlicher sozialer Integration führe. Auf politischer Ebene vollziehe sich ein programmatischer Wechsel von wohlfahrtsstaatlicher Verteilungspolitik zu einer wenigstens latent autoritären Sicherheitspolitik. Auf individueller Ebene würden diese Tendenzen von vielen als Kontrollverluste in unterschiedlichen Dimensionen wahrgenommen: eingeschränkte nationalstaatliche Souveränität, sinkender gewerkschaftlicher Organisationsgrad, Flexibilisierung und Fragmentierung von Beschäftigung, Zunahme anonymer transnationaler Entscheidungsprozesse sowie steigende Kontingenz individueller Lebensführung. Diese Verunsicherungen machten ein erhebliches Potenzial rechtspopulistischer Einstellungen erkennbar, das allerdings in Deutschland noch nicht auf nennenswerte rechtsautoritäre Politikangebote treffe.

Während also die früheren Diagnosen vor dem Aufstieg eines rabiaten Rechtspopulismus warnten, liegt der neuen Studie Heitmeyers die These zugrunde, „dass sich dies tatsächlich ereignet hat und sich heute empirisch zeigen lässt“ (23). Dabei geht es Heitmeyer weniger um eine Bestätigung der Prognosefähigkeit soziologischer Analysen als vielmehr um die Plausibilität einer Zeitdiagnose, die in spezifischen Interdependenzen zwischen ökonomischem, politischem und sozialem System die Signaturen eines sich ausbreitenden Autoritarismus erkennt. Unter Rückgriff auf unterschiedliche theoretische Perspektiven beruht die Argumentation des Bandes durchgehend auf einem dreistufigen Untersuchungsansatz, der sich zunächst mit Entwicklungen auf der Strukturebene befasst, in einem zweiten Schritt Formen der individuellen Verarbeitungen der strukturellen Umbrüche untersucht und schließlich die ideologischen und organisatorischen Angebote autoritärer Bewegungen und Parteien behandelt. Fast die Hälfte des Bandes widmet Heitmeyer einer Erläuterung der für die aktualisierten Strukturanalysen herangezogenen theoretischen Zugänge. Dazu gehören Unterscheidungen von Formen des Autoritarismus, teils als Reaktionsformen auf eine zunehmende modernitätsbedingte Ambivalenz (78 ff.), teils hervorgerufen von der Dynamik eines autoritären Kapitalismus, der über Mechanismen wie Landnahme, ökonomische Dominanz und Ökonomisierung des Sozialen immer tiefer in alle Lebensbereiche eindringt (118 ff.). Ein besonderes Gewicht nimmt die Theorie der sozialen Desintegration ein (146 ff.), die den Zusammenhang von Desintegrationsängsten und Anerkennungsdefiziten – gerade auch in der gesellschaftlichen Mitte – und autoritären Reaktionen untersucht. Schließlich fördern Phänomene der Demokratieentleerung – wie Lobbyismus, vermeintliche Alternativlosigkeit im politischen Angebot und Repräsentationsdefizite – eine Verschiebung von Gefühlen der Machtlosigkeit in eine ideologische Abwertung schwächerer Gruppen (177 ff.).

In der empirischen Zusammenführung von Einzelanalysen und Erhebungsdaten bis 2011 ergibt sich einerseits, dass die rechtspopulistischen Einstellungen, denen sich der Erfolg von Pegida und AfD nach 2015 verdankt, schon etliche Jahre zuvor verdeckt vorhanden waren; andererseits erhärtet sich die Annahme, der zufolge diese Einstellungen besonders häufig Personen aufweisen, die sich von Kontrollverlusten und Desintegrationsängsten betroffen sehen (197 ff.). Zwar entsteht die Attraktivität autoritärer Versuchungen nicht unmittelbar aus Prozessen ökonomischer Entwertungen, sondern immer über auch kulturell vermittelte Formen individueller Krisenverarbeitung, aber der in Teilen der Bevölkerung bisher überwiegend ungebundene Autoritarismus „hat durch den autoritären Nationalradikalismus der AfD ein neues politisches ‚Ortsangebot’ bekommen“ (237). Dabei hat die Flüchtlingsbewegung 2015/2016 lediglich als Beschleunigungsfaktor und nicht als Ursache gewirkt.

Heitmeyer entwirft in diesem Zusammenhang ein sehr differenziertes Profil dieser Partei, die – ohne schon faschistisch zu sein – zwischen oberflächlichem Rechtspopulismus und militantem Rechtsextremismus changiert (231 ff.). Es ist vor allem die Kombination dreier Merkmale – Einstellungen ihrer Anhänger, programmatische Aussagen und Mobilisierungsstil – die sich mit der geläufigen Kennzeichnung der AfD als rechtspopulistisch nicht mehr ausreichend fassen lässt. Bei Einstellungen und programmatischen Botschaften dominieren dichotomische Gesellschaftsbilder vom Typus ‚Volk vs. Eliten’ und Abwärtsvergleiche zu Lasten von Fremden, verknüpft mit dem Versprechen der Wiederherstellung einer verloren geglaubten Ordnung. Die Mobilisierung funktioniert hauptsächlich über eine Emotionalisierung gesellschaftlicher Probleme, die gezielt auf über Wut vermittelte Agitationspraktiken setzt und semantisch den Bereich des Sagbaren im Sinne eines latent gewaltaffinen Autoritarismus erweitert. Schließlich operiert die AfD kommunikativ wesentlich geschickter als alle Vorgängergruppierungen in einem mittlerweile gut vernetzten rechten Milieu, das Verlautbarungen auf Parteiebene durch Zusammenarbeit mit einschlägigen publizistischen Akteuren und Bewegungen wie der Pegida ergänzt und unterstützt.

Resümiert man Heitmeyers aktuelle Diagnose, dann stellen vor allem die sozialen und politischen Unterströmungen, die den Aufstieg der AfD begleiten, eine Gefahr für die liberale gesellschaftliche Ordnung dar. Die sich dabei abzeichnenden Normalitätsverschiebungen machen Einstellungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit für viele mindestens latent akzeptabel und begünstigen mittlerweile europaweit den autoritären Nationalradikalismus als politisches Aufstiegsmodell (368 ff.). Strukturelle Auslöser sind langfristige Entwicklungen kapitalistischer Landnahme, beschleunigter Globalisierung und sozialer Desintegration, auf die politische Eliten bisher lediglich teils aktionistisch, teils symbolisch reagiert haben. Und nahezu vollständig von der Politik unterschätzt werden sozialräumliche Disparitäten – innerstädtische Gentrifizierungen oder ökonomische Abkoppelungen ländlicher Räume – die vielfach als Einfallstor für autoritäre Versuchungen fungieren.


Literatur

Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (1997a): Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft. Band 1. Frankfurt a. M. Suhrkamp

Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (1997b): Was hält die Gesellschaft zusammen? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft, Band 2. Frankfurt a. M. Suhrkamp

Loch, Dietmar/ Wilhelm Heitmeyer (2001): Autoritärer Kapitalismus, Demokratieentleerung und Rechtspopulismus. Eine Analyse von Entwicklungstendenzen. In: Dies. (Hrsg.): Schattenseiten der Globalisierung. Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und separatistischer Regionalismus in westlichen Demokratien. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 497-534

 

Verfasst von:

Thomas Mirbach

Erschienen am:

8. April 2019

Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung 1

Berlin, Suhrkamp 2018

Essay

Über die Angst vor dem Abstieg. Konsequenzen für die politische und gesellschaftliche Teilhabe

Lasse Eggert setzt sich mit den Diagnosen der jüngeren aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten und vorherrschenden Mediendiskursen auseinander, denen zufolge eine Zeit sozialer Unsicherheit und großer gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Umbrüche eingetreten ist. Der Wandel des Arbeitsmarktes im Kapitalismus, so die These, habe deutliche Prekarisierungstendenzen hervorgebracht, die wiederum Mechanismen der gesellschaftlichen Desintegration auslösen. Es habe sich eine diffuse Angst herausgebildet, mit riskanten Auswirkungen für unsere Demokratie.
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Sammelrezension

Wenn Ängste zu Politik werden. Rechtspopulismus in Deutschland: AfD und Pegida

Dirk Burmester stellt zwei Bücher über den Rechtspopulismus in Deutschland vor, die aus gänzlich verschiedener Perspektive geschrieben sind: Nach einer historischen Rückschau befasst sich der Rechtsextremismusforscher Hajo Funke aus kritischer Distanz mit den Ausprägungen von AfD-Landesverbänden und Pegida-Gruppen, außerdem analysiert er die Neuen Rechten und den Kampf gegen Rechtsextremismus allgemein. Der Journalist Stephan Hebel hingegen versucht, in Briefform potenzielle AfD-Wähler umzustimmen.
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Aus der Annotierten Bibliografie

Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.)

Deutsche Zustände. Folge 10

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2012 (edition suhrkamp 2647); 336 S.; 15,- €; ISBN 978-3-518-12647-9
„Die Würde bestimmter Menschen und die Gleichwertigkeit von Gruppen sind antastbar. Das gehört zur persönlichen Bilanz“ (326). Mit diesem beunruhigenden Fazit schließt Heitmeyer den zehnten und letzten Band der „Deutschen Zustände“. Die Reihe basiert auf einem zehnjährigen Projekt, in dem die Einstellungen der deutschen Gesellschaft gegenüber schwachen Gruppen untersucht wurden. Hierfür wurde das Konzept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (15) entwic...weiterlesen

Dietmar Loch / Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.)

Schattenseiten der Globalisierung. Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und separatistischer Regionalismus in westlichen Demokratien

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001 (edition suhrkamp 2093); 536 S.; ISBN 3-518-12093-X
Die 20 Beiträge des auf eine Tagung des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld zurückgehenden Sammelbandes diskutieren unterschiedliche Facetten der Globalisierungsprozesse und ihre Wirkungen auf ausgewählte westliche Demokratien. Analysiert werden von den Herausgebern die so bezeichneten autoritären Entwicklungen des radikalen Nationalismus, des separatistischen Regionalismus und des religiösen Fundamentalismus, die in einem Zusammenhang mit vers...weiterlesen


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