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Rezension

Der Mythos vom starken Führer
Politische Führung im 20. und 21. Jahrhundert

Von Laotse ist der Satz überliefert, dass man einen guten Führer daran erkenne, dass er in seinem Umkreis und seiner Gegenwart kaum bemerkt werde, wohingegen ein weniger guter Führer daran zu erkennen sei, dass er zu Gehorsam verpflichte und sich preisen lasse. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Hugh Heclo beruft sich in einem Beitrag zum Oxford Handbook of the American Presidency (2009) insofern auf diesen Aphorismus, als er diskutiert, welche Art von politischer Führung wünschenswert sei. Heclo verwirft zwar Laotses Forderung als unrealistisch, lässt aber die Kernaussage unbeanstandet, indem er feststellt, dass Regierungschefs, die ihre Kabinettsmitglieder in der Phase der Entscheidungsfindung produktiv miteinbeziehen, dadurch zu besseren Lösungen gelangen können als im Rahmen eines autoritären Führungsstils, in welchem Gefolgschaft eingefordert wird und kritische, aber sachlich fundierte Vorschläge unter den Tisch fallen. Während Heclo seine Schlussfolgerungen aus der Analyse der Institution des US-amerikanischen Präsidenten gewonnen hat, präsentiert Archie Brown, der diese Stelle in seinem Buch zitiert (389), eine umfassend angelegte Typologie von politischen Führungsstilen und informellen Verhaltensweisen politischer Führer, die manche populären Irrtümer, die weithin herumgeistern, Fehlurteile oder hartnäckig sich haltende Vorurteile ausräumt. Diese werden für mehr oder weniger interessierte Beobachter aufs Nachdrücklichste aktiviert durch die gegenwärtige Neigung der wichtigen politischen Entscheider, sich permanent in der Öffentlichkeit zu präsentieren – wir leben in einem Zeitalter der Performanz, wobei der „scramble for talkshows“ nur das einfallsloseste Format abgibt, dem sich jeder willig hingibt, um Stärke, Durchsetzungsvermögen und Prinzipientreue, kurz: seine Imposanz, zu demonstrieren.

Es handelt sich um ein sehr intelligent geschriebenes Buch, verfasst in jenem typisch angelsächsischen pragmatischen Sound, dem die exemplarische Anschauung Prinzip genug ist, ohne freilich theoretisches Ordnungswissen auf die hinteren Plätze zu verweisen. Das Schicksal von Mythen – seien es solche numinoser oder irdischer Art – scheint offenbar darin zu bestehen, zerstört zu werden. Was Letztere angeht, gelingt dies meist dort, wo die Natur Gesetzmäßigkeiten gehorcht, die als unwiderleglich gelten. In den menschlichen Beziehungen im Allgemeinen und im Politischen im Besonderen ist dies nicht so ohne Weiteres möglich. In weiten Bereichen dominieren Vorurteile, Stereotypien, Irrationalismen, die auszurotten oder wenigstens zurückzudrängen oder zu minimieren einem Kampf gegen Windmühlen gleichkommt. Von daher ist es immer begrüßenswert, wenn nicht nur Mythen problematisiert werden, sondern ebenso sehr auf empirisch gehaltvolle Weise und mit hohem Evidenzcharakter zurückgewiesen werden – so auch in diesem Buch von Archie Brown.

Es entspricht der Absicht des Autors, sich von der Vorstellung zu lösen, dass die immer wiederkehrende Forderung aus der Politik beziehungsweise der Öffentlichkeit in Demokratien, sich einem politischen Führer anzuvertrauen und im Einklang damit zu meinen, ein „starker“ politischer Führer sei etwas „Positives“. Brown erblickt darin eine Illusion anzunehmen, dass politische Führer umso mehr Anerkennung verdienen, je mehr Macht sie in ihren Händen konzentrieren. Der entscheidende Punkt ist nämlich nicht, dass sie Entscheidungen treffen, sondern wie sie sie treffen (29). Besonders in den Mittelpunkt stellt Brown politische Führer, deren Arbeitsstil und Machtausübung „sich besonders nachhaltig auf das Leben der Menschen ausgewirkt haben“ (53). Brown macht dies an fünf kategorial verschiedenen Führungstypen fest, unter Bedingungen je spezifischer institutioneller Bezugsrahmen, je unterschiedlich gewachsener politischer Kontexte und je unterschiedlicher Gefolgschaftsstrukturen. Er differenziert zwischen demokratischer, „neudefinierender“, „transformativer“, revolutionärer sowie totalitärer beziehungsweise autoritärer Führung. Eine gesonderte Behandlung erfährt der Zusammenhang von Außenpolitik und „starker“ Führung.

Welche Mythen werden in demokratischen Systemen kultiviert? Da ist zunächst der Glaube, Wahlen würden entschieden aufgrund von besonders positiven Merkmalen von Führungspersönlichkeiten und daraus würde sich eine Personalisierung von Politik ableiten, die zum Beispiel in parlamentarischen Demokratien zu einer „Präsidialisierung“ von Politik führe (104 f.). Vielmehr, so Brown, gründen die Wählerpräferenzen auf anderen Faktoren. Er exemplifiziert dies an den beiden Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy und Barack Obama, die charismatisch wirkten, ihren Wahlsieg aber eben gerade nicht ihrem Charisma verdankten, sondern der Tatsache, dass beide Demokrat waren und damals die Demokraten in der Gunst der Wähler höher standen als die Republikaner (108). Eine weitere Einschränkung, die gemacht werden sollte, besteht darin, von einer zunehmenden Dominanz von politischen Regierungschefs in Demokratien auszugehen (152). Denn wenn man das institutionelle, verfassungsmäßig kodifizierte Umfeld bedenkt, dann hat selbst das Amt des US-amerikanischen Präsidenten, dem eine gewisse Allmacht zugeschrieben wird, nach innen hin sich dem Grundsatz der „checks and balances“ zu unterwerfen. Auch ist die Mehrheit seiner Partei im Kongress keine Gewähr dafür, dass der Präsident sozusagen „durchregieren“ kann (116 f.). Verlieren Regierungschefs in Demokratien ihr Amt, dann oft nicht durch Wahlniederlagen, sondern durch innerparteilichen Vertrauensverlust und zwar meist dann, wenn die Amtsinhaber ihre Stellung mit politischer Hegemonie gleichsetzen – Beispiele aus Großbritannien sind David Lloyd George, Margaret Thatcher oder Tony Blair (152).

Bei der zweiten Kategorie, den „neudefinierenden“ Führern, handelt es sich um Persönlichkeiten, die in vorgezeichnetem Rahmen neu definieren, „was politisch möglich ist“; sie „führen umwälzende politische Veränderungen herbei“ (153). Nach Brown sind diese in Demokratien nicht eben häufig anzutreffen. Meist sind es die gesellschaftlichen Umstände, die diese Führer in die Lage versetzten beziehungsweise in die Lage gebracht haben, mit revolutionären Maßnahmen und Methoden gravierenden Krisenphänomen zu begegnen (194). Franklin D. Roosevelt ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Sein „New Deal“ sollte dazu beitragen, die verheerende Wirtschaftskrise in den USA mit staatsinterventionistischen Mitteln zu bekämpfen, einem politischen Instrument, das in einer auf Eigentum und Individualität („rugged individualism“) geprägten Gesellschaft etwas umstürzend Neues darstellte und große Abneigung hervorgerufen hat. Die Standfestigkeit, mit der Roosevelt diese für die USA neuartige Strukturpolitik vorwärtsgetrieben und den Kongress von seiner Richtigkeit überzeugt hat, stärkte seine Popularität ungemein (154-160). Überraschend mag einem vorkommen, dass Brown auch Lyndon B. Johnson in diese Kategorie der „neudefinierenden“ Führer einreiht. Damit ist natürlich nicht der Johnson des Vietnamkrieges gemeint, sondern derjenige der „Great Society“, dem das Wohl der Armen und der Afroamerikaner am Herzen lag und um deren Chancengleichheit er kämpfte (160-165).

In Großbritannien war es vor allem der Labourführer Clement Attlee, der im Sommer 1945 eine Regierung bildete, die sich durch kollektive Führung auszeichnen sollte. Ihr Hauptmerkmal war, dass sie zahlreiche tiefgreifende „sozialistische Maßnahmen“ ergriff, um wohlfahrtsstaatliche Elemente in die britische Gesellschaft einzuspeisen, die erst unter dem Regiment Margaret Thatchers mit brachialer Gewalt zum Verschwinden gebracht wurden (169 f.). Diese von Thatcher durchgesetzte Austeritätspolitik, die in einer rigiden Privatisierungspolitik sowie in der Aushöhlung der Macht der Gewerkschaften gipfelte, gibt Brown Veranlassung, sie als „neudefinierende“ politische Führerin zu betrachten (172, 176). Weitere Beispiele aus der Bundesrepublik markieren Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer (soziale Marktwirtschaft, Westbindung), Willy Brandt (Ostpolitik) und Helmut Kohl (deutsche Einheit).

Die „transformative“ politische Führung definiert Brown als ein Institut, das in einem gegebenen politischen System systemische Veränderungen herbeizuführen imstande war, „einen tiefgreifenden Wandel, eine grundlegende Neugestaltung des bestehenden Systems zum Besseren“ mit Entschlossenheit anzugehen und damit auch Erfolg zu haben (195). Als ein treffendes Beispiel wird Charles de Gaulle gesehen, der die offensichtlichen Schwächen der IV. Republik erkannt hatte und der Überzeugung war, dass nur eine fundamentale Neuausrichtung des Regierungssystems zur alten Größe der französischen Nation zurückführen könne. Aus der Katastrophe des Algerienkrieges heraus, gepaart mit der schwindenden Autorität des parlamentarischen Systems, setzte de Gaulle in der neuen Verfassung der V. Republik auf eine starke Exekutive mit der Vorrangstellung der Institution des Präsidenten, der vom Volk direkt gewählt wurde (196-205).

Einen eher vergessenen Repräsentanten eines „transformativen“ Führers stellt der Spanier Adolfo Suárez dar. Er erhielt nach dem Ableben des Diktators Franco und der beginnenden Erosion des Franquismus von Juan Carlos – der von Franco bei der Wiedereinführung der Monarchie als König bestimmt worden war – den Auftrag, die Demokratisierung des politischen Systems Spaniens einzuleiten. Als hochrangiger Beamter des „alten“ Systems kritisch beäugt und als nicht besonders geeignet für diese Aufgabe eingeschätzt, ist es Suárez gelungen, diesen transitorischen Prozess zu einem guten Ende zu führen. Seine große Leistung bestand darin, die bis dahin illegale Kommunistische Partei unter Santiago Carrillo Solares in das politische System zu integrieren, indem er es verstanden hatte, sie für die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie zu erwärmen. Suárez war kein Charismatiker, kein dominanter Regierungschef. Er pflegte einen kollegialen Stil und war auf Konsens bedacht – eine nicht zu unterschätzende Eigenschaft angesichts eines politisch noch instabilen politischen Systems (205-214).

Aus der kommunistischen Welt dienen Brown Michail Gorbatschow und Deng Xiaoping als charakteristisch für den Typ des „transformativen“ politischen Führers. Was Gorbatschow anbelangt, so will Brown mit zwei Mythen aufräumen: Gorbatschow hat nicht zu Glasnost- und Perestroika-Maßnahmen gegriffen, um die wirtschaftliche Krise zu beseitigen und die Kaderpolitik in Partei und Regierung zu destabilisieren. Vielmehr führte seine Reformpolitik die Krise erst herbei, aus der sich mittelfristig Konsequenzen ergeben sollten, die unter Jelzin und vollends unter Putin in eine weitreichende „Abwicklung“ dieses Umgestaltungsprozesses münden sollten. Zum zweiten ist es irreführend zu meinen, die aggressive Rhetorik Ronald Reagans und die erhöhten Rüstungsausgaben hätten die Sowjetunion gezwungen, ihre Niederlage im Kalten Krieg einzugestehen. So war für den Autor Gorbatschow im Grunde kein „starker“ Führer, da er zu einseitig darauf gehofft habe, mit Charme, Redekunst und guten Argumenten allein seine Transformationspolitik absichern zu können (215, 216 f., 223 f.).

Ganz anders verhält es sich mit China. Deng hat, trotz zahlreicher Rückschläge auch persönlicher Art, einer Politik den Weg geebnet, die darauf abzielte, die vorherrschende, aber ineffektive Befehlswirtschaft durch marktwirtschaftliche Elemente – Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen – nach und nach zu usurpieren. Zwar stand das Primat der Kommunistischen Partei und die politischen Institutionen nie infrage; aber Deng war klar, dass die Öffnung Chinas und seine Teilnahme am Weltmarkt nur auf diese Weise möglich war (235 f., auch 321-324). Wie sich heute zeigt, war Dengs Strategie langfristig erfolgreich.

Nelson Mandela, den Brown in diesem Zusammenhang abschließend behandelt, hat unter anderem mittels seiner unangefochtenen Ausstrahlungskraft und seiner Fähigkeit, sich auch kritischen Ansichten gegenüber offen zu zeigen, die große Leistung erbracht, auf friedlichem Wege das weiße Minderheitsregime der Apartheid, das die schwarze Bevölkerungsschicht rechtlos hielt, abzulösen und den Übergang hin zu einem demokratischen System einzuleiten (244).

Es entspricht dagegen dem Wesen revolutionärer Führer, den Sturz eines autoritären Regimes zu bewerkstelligen, aber an dessen Stelle ein „nicht weniger autoritäres, wenn auch anders strukturiertes System zu setzen“ (254). Vier Charakteristika bestimmen diesen Revolutionsprozess: Beteiligung großer Bevölkerungsgruppen, Zerschlagung bestehender Institutionen, Einführung einer neuen Ideologie als Legitimationsgrundlage, Gewaltanwendung „vor, während oder unmittelbar nach dem Regimewechsel“ (252). Die kommunistischen Revolutionen in Europa (Russland, Südosteuropa) und Asien (VR China, Korea, Kambodscha, Iran) lassen sich als hinreichende empirische Belege für dieses Schema gut anführen.

An dieser Stelle ist interessant, dass es im Falle des Irans angemessen ist, von einer „Revolution ohne Führer“ zu sprechen. Ruhollah Chomeini und seine Anhänger hatten ja die Revolution, die zum Sturz des Schah-Regimes führte, nicht selbst organisiert und in Gang gebracht, sondern die gegen die Diktatur der Monarchie erfolgten Massendemonstrationen ausgenützt, um sein eigenes theokratisches Modell zu installieren. Nachdem es aber rasch institutionalisiert war und seinen islamistisch-autoritären Charakter offenbarte, wurde gesellschaftliche Kritik auf rascheste Weise massiv und brutal unterdrückt (289 f.).

Abgerundet wird Browns Typologie mit der totalitären und autoritären politischen Führung, personifiziert in Josef Stalin, Adolf Hitler, Mao Zedong und Benito Mussolini. Die historische Forschung hat hinlänglich herausgefunden, dass deren Systeme nicht monolithisch strukturiert waren. Auch war ihr Charisma im Grunde imaginär, entsprach weitgehend einem Mythos des „großen und weitblickenden“ Führers. Brown bezeichnet diesen Mythos als den „hartnäckigsten“ (346). In existentiellen Krisensituationen blieb nämlich von ihren Visionen einer „besseren“ Zukunft und ihrer Entschlusskraft nicht mehr viel übrig. Ein weiterer Mythos lässt sich festhalten als „Unordnung“ innerhalb der Ordnung, das heißt es entsprach dem Wesenskern dieser Diktaturen, alles und jeden gewaltsam zu unterdrücken, der sich gegen die Ziele und Methoden der Machthaber, gegen die staatlichen und quasistaatlichen Institutionen des Systems stellte. In der politischen Praxis aber wurden aus ideologischen Motiven strategische Programme umgesetzt, die nachgerade zu Unordnung und Chaos führen sollten. Brown führt hier als Beispiel Maos Initiativen des „Großen Sprungs“ und der „Kulturrevolution“ an (345).

Nach Brown vermochten es solche Systeme nicht, Probleme zu lösen, da sie der Bevölkerung keine Rechenschaft über ihr Tun leisten mussten und weil sie auch keine Rücksicht zu nehmen brauchten auf die Sorgen und Klagen der Menschen. Viele Länder, in denen autoritär-diktatorische Systeme herrsch(t)en, sind ethnisch vielfältig, vor allem in Afrika. Und je größer diese Vielfalt ausfällt, umso kleiner ist die Gruppe, die den Führer unterstützt. Er ist daher angehalten, seine Gefolgsleute zu protegieren und mit Privilegien bei Laune zu halten. Es ergeben sich daraus zwangsweise soziale Ungleichheiten, aus denen ethnische Spannungen resultieren und letzten Endes meist zu wirtschaftlichem Niedergang führen (345; am Fall Simbabwe lässt sich das überzeugend belegen). Daraus ergibt sich ein weiterer Mythos, nämlich der, dass ein autoritär beherrschtes System ein Garant von Stabilität sei. Wird ein diktatorischer Führer vom Thron gestoßen, kommt es in der Regel – und das ist der entscheidende Unterschied zu Demokratien – zu einer systemischen Krise, die, in extremer Weise, in einen Bürgerkrieg ausarten kann (so im Arabischen Frühling, im grausamsten Falle in Syrien, 345 f.).

Das Hauptaugenmerk im vorletzten Kapitel liegt auf dem Handeln demokratischer Führer Großbritanniens in außenpolitischen Krisensituationen. Hier ist manches Handeln von Selbsttäuschung geprägt: Blairs Entschluss zur Beteiligung Großbritanniens am zweiten Irakkrieg ist so ein Beispiel. Er war unter anderem überhaupt nicht mehr zugänglich für die Ansichten kritischer Berater in seiner Umgebung, die viel mehr Sachkompetenz besaßen als er. Blair suchte nur noch nach Bestätigungen anderer, die seine Vorstellungen teilten beziehungsweise sich einfach nur seiner Meinung anpassten (385). Das große Trauma der britischen Außenpolitik in Bezug auf aggressiv vorgebrachte Macht- und Besitzansprüche von Diktatoren aber war die Appeasement-Politik gegenüber Nazi-Deutschland, die im Münchner Abkommen von 1938 kulminierte. Der Exekutor dieser Politik war Premierminister Neville Chamberlain. Brown beschreibt dessen Führungsstil als „egozentrisch“, unempfänglich für kritische beziehungsweise vorsichtigere Einschätzungen. Chamberlain war nicht kooperationsfähig, er konnte es überhaupt nicht ertragen, wenn Regierungsmitglieder, die es besser wussten, ihm widersprachen. Wenn ein Minister ihm die Stirn geboten hatte und Chamberlains Ohr verlor, trat dieser von selbst den Rückzug an. Brown sieht den Hauptfehler Chamberlains vor allen Dingen darin, dass er nicht auf Leute hörte, die es besser wussten. Er ist ein abschreckendes Beispiel dafür, „wie gefährlich eine übermäßige Machtkonzentration in den Händen eines Regierungschefs“ sein kann (369).

Wie sehen nun die Schlussfolgerungen Archie Browns aus? Er kleidet sie in die Frage: „Welche Art von Führung ist wünschenswert?“ Seine Überlegungen dazu fasst er in der folgenden Aussage zusammen: „Der grundlegendere Irrtum besteht darin, jenen Typus des individuellen politischen Führers als wünschenswert zu betrachten, der eine politische Vorrangstellung beansprucht, seine Kollegen im Kabinett und den Regierungsapparat umgeht und sich lieber auf die Seilschaft seiner persönlichen Mitarbeiter als auf seine Partei stützt“. Und weiter: „Politische Führer, die glauben, sie hätten einen persönlichen Anspruch darauf, die Entscheidungsfindung in zahlreichen Politikbereichen zu dominieren, und versuchen, ein solches Vorrecht wahrzunehmen, schaden sowohl der guten Regierungspraxis als auch der Demokratie. Sie verdienen keine Gefolgschaft, sondern Kritik“ (414). Wer möchte dem nicht zustimmen – vorausgesetzt, die gewachsenen Institutionen der einzelnen Demokratien funktionieren so, dass sie Machtmissbrauch und Geltungssucht von politischen Führern einzuhegen vermögen. Sollte diese Voraussetzung hingegen nicht gewährleistet sein, dann hat das von Brown erwünschte kollektive Führungsverhalten kaum eine Chance, sich zu etablieren, und zementiert vielmehr einen paternalistischen Populismus.

 

Verfasst von:

Arno Mohr

Erschienen am:

16. Juni 2018

Archie Brown

Der Mythos vom starken Führer. Politische Führung im 20. und 21. Jahrhundert

Berlin, Propyläen Verlag 2018

Aus der Annotierten Bibliografie

Archie Brown

Aufstieg und Fall des Kommunismus. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Norbert Juraschitz, Hainer Kober und Thomas Pfeiffer

Berlin: Propyläen Verlag 2009; 938 S.; geb., 29,90 €; ISBN 978-3-549-07293-6
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Stalin. Am Hof des roten Zaren. Aus dem Englischen von Hans Günter Holl

Frankfurt a. M.: S. Fischer 2005; 874 S.; geb., 24,90 €; ISBN 3-10-050607-3
Man lebte bescheiden im Kreml Anfang der Dreißigerjahre, selbst Stalin litt gelegentlich unter Geldnot, ab und zu feierte man bei deftigem russischen Essen oder hatte ein kleines Techtelmechtel. Der britische Historiker und Publizist Sebag Montefiore lässt seine Leser gleichsam mit Stalin unter ein Dach ziehen, so genau beschreibt er auf der Grundlage von umfangreichen Recherchen und Interviews von Kindern der damaligen Führung das Privatleben des Diktators und dessen Familie. Charakterisiert we...weiterlesen


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