Portal für Politikwissenschaft

Dieser Artikel wurde veröffentlicht von: Logo
Portal für Politikwissenschaft
Osterstraße 124 | 20255  Hamburg 

Rezension

Die Unübersichtlichkeit der Demokratie
Ein Dilemma spätmoderner Politik

Das Phänomen der Unübersichtlichkeit als Stoff einer sozialwissenschaftlichen Abhandlung ist nicht neu. Bereits in den 1980er-Jahren schrieb Jürgen Habermas hierzu ein Buch (Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt am Main 1985), heute ist die Auseinandersetzung mit der Thematik aktueller denn je. Von der Feststellung ausgehend, dass spätmoderne Politik unübersichtlich sei und die politische Öffentlichkeit somit überlastet, untersucht Rames Abdelhamid, inwiefern sich das Dilemma, dass demokratische Wissensgesellschaften einerseits Komplexität und Kontingenz voraussetzen, andererseits durch jene verkompliziert werden, auflösen lässt.

Dazu setzt sich der Autor im zweiten Kapitel Die Beobachtung der Politik zunächst umfassend mit den für das Verständnis des Problems grundlegenden Kategorien und Begriffen auseinander: Information, Kommunikation, politisches System, politische Öffentlichkeit, Massenmedien, soziale Interaktionssysteme und öffentliche Meinung. Auf dieser Grundlage werden im dritten Kapitel (Unübersichtlichkeit) die Leitbegriffe Komplexität, hier nicht zuletzt zu verstehen als eine intransparente, uneindeutige, politisch zu organisierende Umwelt, die sich einer vollständigen Beschreibbarkeit entzieht, und Kontingenz als ein Folgeproblem des Selektionszwanges der Komplexität, also als Aufgabe, wieder Eindeutigkeit herzustellen, geklärt. Beide Begriffe als Elemente des Phänomens der Unübersichtlichkeit gehen auf Jürgen Habermas zurück.

Anschließend versucht Abdelhamid, die Quellen der Unübersichtlichkeit des Politischen zu verorten. Zu diesen Quellen gehören die funktionale Differenzierung einerseits und die Folgen multiplen Wandels und multipler Kommunikation andererseits. Welche Bedeutung Unübersichtlichkeit für die politische Öffentlichkeit hat, stellt die leitende Frage des fünften Kapitels dar. Im Fokus stehen die Auswirkungen seitens Komplexität und Kontingenz vor dem Hintergrund nicht-konventioneller Themen. Abdelhamid schlussfolgert, dass spätmoderne Demokratien wegen der zunehmenden Unübersichtlichkeit des Politischen möglicherweise keine aufgeklärte, politisch kompetente Öffentlichkeit mehr voraussetzen können und so ihre essenziellen normativen Bedingungen nicht mehr erfüllen. Im Kapitel Unübersichtlichkeit und politisches Individuum fragt der Autor, wie sich Unübersichtlichkeit auf das politische Subjekt auswirkt. Könnte das Individuum die Instanz sein, von dem eine Beherrschung oder Reduzierung der Unübersichtlichkeit ausgeht? Abdelhamid verneint dies.

Welche Optionen haben demokratische Systeme bei der zunehmenden Unübersichtlichkeit des Politischen? Abdelhamid jedenfalls bestreitet im Kapitel Perspektiven den vorübergehenden Charakter dieses Phänomens und stellt fest, dass es sich historisch entwickelt und kontinuierlich ausgeweitet hat. Vorangetrieben worden sei dieser Prozess etwa durch Reformation und Schisma, Buchdruck, das intellektuelle Programm der Aufklärung, Dialektik und Modernisierung. Nicht-konventionelle, also nicht eindeutig zurechenbare Themen, die nicht allein durch politisches Denken und Verstehen zu finden seien – Beispiel Ökologie –, verkomplizierten heute die politische Beobachtung und Urteilsbildung. Die Unübersichtlichkeit erfahre noch eine Zunahme durch Prozesse der Spätmoderne und der Globalisierung und werde als Merkmal spätmoderner Demokratien zukünftig weiter wachsen. Kann die spätmoderne Demokratie den im Buch geschilderten Folgen, wie etwa der Entpolitisierung, entgehen? Sie muss es laut Abdelhamid, wenn sie Bestand haben will. Als Antwort auf die Frage nach dem „Wie“ hält der Autor eine gemeinsame Kompetenzsteigerung, auch zu komplizierten Themen, beispielsweise in Aktionsnetzwerken, für unverzichtbar.

Dass Interessenverbände nicht zuletzt dazu dienen, Spezialthemen einer interessierten politischen Öffentlichkeit verständlicher zu machen, kann man auch anderweitig nachlesen. Nicht zuletzt analysiert Ute Scheub dies im Rahmen ihres Plädoyers für die Integration direktdemokratischer oder bürgernäherer Entscheidungsmechanismen in den Politikbetrieb (Ute Scheub: Demokratie. Die Unvollendete. Plädoyer für mehr Teilhabe, oekom Verlag, München 2017). In seinem Buch aber reflektiert Abdelhamid die Ursachen und Folgen von Unübersichtlichkeit breiter.

 

Verfasst von:

Günter Lipfert

Erschienen am:

14. Dezember 2018

Rames Abdelhamid

Die Unübersichtlichkeit der Demokratie. Ein Dilemma spätmoderner Politik

Bielefeld, transcript Verlag 2017 (Edition Politik)


Aus der Annotierten Bibliografie

Caroline Y. Robertson-von Trotha (Hrsg.)

Die Zwischengesellschaft. Aufbrüche zwischen Tradition und Moderne?

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2016 (Kulturwissenschaft interdisziplinär 10); 273 S.; brosch., 49,- €; ISBN 978-3-8487-1065-2
Seit Jürgen Habermas 1985 die Verhältnisse in modernen Gesellschaften als neue Unübersichtlichkeit charakterisiert hat, ist dieser Begriff zu einer wichtigen Referenz für die analytischen Herausforderungen und Unschärfen ihrer Betrachtung geworden. Mit dem Sammelband wird sich dieser Herausforderung angenommen und zugleich der Begriff der „Zwischengesellschaft“ vorgeschlagen, um die vielschichtigen Stadien und Prozesse heutiger moderner Gesellschaften einzufangen und zu ordnen. Mit ...weiterlesen


Anne Peters

Politikverlust? Eine Fahndung mit Peirce und Žižek

Bielefeld: transcript 2007 (Sozialtheorie); 324 S.; kart., 29,80 €; ISBN 978-3-89942-655-7
Diss. FU Berlin FB Politik- und Sozialwissenschaften. – Worauf verweisen die zahlreichen Meinungsumfragen, die eine zunehmende Politikverdrossenheit in weiten Teilen der Bevölkerung konstatieren? Sind es lediglich Vermittlungsprobleme aufseiten der politischen Akteure, die jene Stimmung erzeugen, oder ist sie vielmehr ein Reflex jenes Umstandes, dass Politik angesichts der Komplexität moderner Gesellschaften nur noch aus Inszenierungen besteht? Und sollte Politiktheorie auf diese Unübersic...weiterlesen


Markus Holzinger

Der Raum des Politischen. Politische Theorie im Zeichen der Kontingenz

München: Wilhelm Fink Verlag 2006; 235 S.; kart., 29,90 €; ISBN 978-3-7705-4243-7
Die traditionelle Bestimmungen des Politischen, die typischerweise die Funktion der Herstellung kollektiv verbindlicher Entscheidungen an das Ensemble staatlicher Institutionen binden, geraten heute angesichts unterschiedlicher Tendenzen zunehmend in Schwierigkeiten. So nimmt im Zuge von Globalisierung die Handlungsfähigkeit von Nationalstaaten ab und Prozesse gesellschaftlicher Ausdifferenzierung führen zu einer Informalisierung politischer Prozesse. Phänomene wie diese umschreiben eine steigen...weiterlesen


 Rezension

Armin Nassehi

Die letzte Stunde der Wahrheit. Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft

Hamburg, Murmann Verlag 2017 (kursbuch.edition)

Die Welt wird immer komplexer, bei immer sichtbareren Grenzen der Links-Rechts-Erklärungsmuster. Armin Nassehi nähert sich der unübersichtlichen Moderne über eine Wahrnehmung von Welten in Welten, deren unterschiedliche Logiken im Widerstreit miteinander stehen und der Vermittlung bedürfen. Nur so könne sich eine Pluralität der Lebensformen etablieren. Es geht also nicht darum, die eine Wahrheit über die Gesellschaft herauszufinden – diese gebe es nicht. Ein positives Beispiel für den Versuch, zwischen den Perspektiven zu vermitteln, sei die Arbeit des Ethikrats des Bundestags.
weiterlesen

 



zur Übersicht
Neue Beiträge

Suchen...