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Rezension

Christlicher Extremismus in Deutschland
Das Verhältnis zum demokratischen Verfassungsstaat

Gibt es neben der Gefahr, die von islamistischen Gruppen für den demokratischen Verfassungsstaat ausgeht, noch andere, insbesondere christlich motivierte extremistische Gruppierungen, die der Demokratie kritisch bis feindlich gegenüber stehen? Christliche Gruppierungen – so Alexander Kühn in seiner Dissertation, die bei Eckhard Jesse an der TU Chemnitz entstanden ist – finden in der deutschen Extremismusforschung nur wenig Aufmerksamkeit, was „dem Potential ihrer Glaubensinhalte, vor allem mit Blick auf das Verhältnis zur Demokratie“ (13) nicht gerecht wird. Die Kernfrage der Arbeit lautet daher: „Welchen Grad der Extremismusintensität weisen die untersuchten Gruppierungen auf? [...] Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten treten mit Blick auf Organisation, Ideologie, Strategie (Gewalt- und Kooperationsbereitschaft) zwischen den untersuchten Gruppen auf? Ziel ist die Einordnung in eine von drei Kategorien: ‚extremistisch‘, ‚semi-extremistisch‘ oder ‚nicht-extremistisch‘ sowie der Vergleich der Gruppen untereinander.“ (13)

Der Autor versteht Religion als Ideologie. Sie tendiere per se zu so etwas Gefährlichem wie Wahrheits- und Missionsanspruch, sie inkludiere durch Exklusion und vertrete einen dogmatischen Absolutheitsanspruch. Jede Ideologie (insbesondere die der religiösen Extremisten), „die ihre Legitimität aus einem höheren Wesen bezieht und ihre Ansichten in der Gesellschaft etablieren will, [stellt] eine Gefahr für den demokratischen Verfassungsstaat [dar]“ (15).

Nachdem Kühn zunächst den begrifflich-theoretischen Bezugsrahmen – Extremismus, Radikalismus, Terrorismus, Fundamentalismus – skizziert, werden die einzelnen Gruppierungen auf ihre Ideologie, Strategie (Gewalt, Zusammenarbeit) und Organisation hin geprüft und abschließend „klassifiziert“.

Das Ergebnis ist so vorhersehbar wie religionssoziologisch (und religionsgeschichtlich) unhaltbar: „Eine Bedrohung für den demokratischen Verfassungsstaat geht nicht nur von denjenigen Glaubenssystemen aus“, schreibt der Autor, „die Gewalt anwenden – vielmehr bietet jedes Glaubenssystem, das auf einer fiktiven Gestalt beruht und das Gesetze und Werte oktroyiert, die Gläubige unreflektiert aufnehmen, die Gefahr der Verführung des Geistes. Zum Schutz der demokratischen Werte ist es notwendig, sich religiösen Vereinigungen ganzheitlich anzunehmen, die sich im Namen der ‚Wahrheit‘ der Missionierung verschrieben haben.“ (313) Bedeutet dies also ein Religionstribunal? Robespierre gegen Danton? Eine Erziehung, „frei von ideologischen und religiösen Zwängen“, wie der Verfasser in seiner Danksagung schreibt? Aber: Ist die Tatsache, dass Vernunft und Demokratie ihre eigene Glaubens- und Missionsgeschichte haben – zum Beispiel die Entwicklungspolitik der 1970er-Jahre – inzwischen völlig unbekannt? Liegen die wirklichen „Probleme“ nicht eher aufseiten des deutschen staatskirchlichen Modells als aufseiten einer klaren Trennung zwischen Staat und Kirchen? Und: Darf man nicht Katholik sein, weil die eigene Kirche nicht „demokratisch“ ist?

 

Verfasst von:

Georg Kamphausen

Erschienen am:

11. Dezember 2017

Alexander Kühn

Christlicher Extremismus in Deutschland. Das Verhältnis der Partei Bibeltreuer Christen, Christliche Mitte, Priesterbruderschaft St. Pius und Zeugen Jehovas zum demokratischen Verfassungsstaat

Leipzig, Leipziger Universitätsverlag 2017


Aus der Annotierten Bibliografie

 

Karen Armstrong

Im Namen Gottes. Religion und Gewalt. Aus dem Englischen von Ulrike Strerath-Bolz

München: Pattloch 2014; 687 S.; 24,99 €; ISBN 978-3-629-13039-6
In terroristischen Gräueltaten spiele Religion oft eine Rolle, aber man mache es sich zu einfach, wenn man sie zum „Sündenbock“ erkläre, statt zu erkennen, „was wirklich in der Welt geschieht“ (477), schreibt die ehemalige katholische Nonne und renommierte britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong. Was wirklich geschieht? Der Originaltitel ihrer Studie – „Fields of Blood“ – gibt dazu schon den entscheidenden Hinweis: Im historischen Längsschnitt erzählt Armstrong die Vergesellschaftung des Menschen von der Agrargesellschaft ...weiterlesen


Gerhard Besier / Katarzyna Stokłosa (Hrsg.)

Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart. Band 1. Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Portugal und Spanien

Berlin/Münster: Lit 2013 (Studien zur kirchlichen Zeitgeschichte 5); 734 S.; 24,80 €; ISBN 978-3-643-11508-9
Wer ein Interesse an der Geschichte der Zeugen Jehovas hat, wird in diesem umfassenden Sammelwerk viele relevante Informationen finden. In der Einleitung berichten die Herausgeber von der Entstehung und Entwicklung dieser Religionsgemeinschaft, die in der Tradition der religiösen Erweckungsaufbrüche des 19. Jahrhunderts steht, mit der der Abfall von zentralen Glaubenslehren beklagt wurde. Entstanden ist die Religionsgemeinschaft in den USA Ende des 19. Jahrhunderts und hat sich dann den Herausge...weiterlesen


Gerald Hacke

Die Zeugen Jehovas im Dritten Reich und in der DDR. Feindbild und Verfolgungspraxis

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011 (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung 41); 457 S.; 58,95 €; ISBN 978-3-525-36917-3
Geschichtswiss. Diss. Dresden; Gutachter: R. Pommerin, R. Marcowitz. – Hacke stellt an den Ausgangspunkt seiner vergleichenden Betrachtung der beiden deutschen Diktaturen eine Opfergruppe. Das erlaubt ihm eine differenzierte Bestandsaufnahme, in der „sowohl Unterschiede, als auch Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten“ (386) zu entdecken sind. Mit dieser Perspektive gelingt es ihm, weder das eine Regime zu relativieren noch das andere zu dämonisieren. Mit der Glaubensgemeinschaft...weiterlesen


Heinrich Wilhelm Schäfer

Kampf der Fundamentalismen. Radikales Christentum, radikaler Islam und Europas Moderne

Frankfurt a. M/Leipzig: Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag 2008; 252 S.; 19,80 €; ISBN 978-3-458-71017-2
Der Theologe und Religionssoziologe Schäfer legt eine interessante Studie zum Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und Moderne vor. In eben jenem Verhältnis verortet er die Konflikte der Gegenwart und nicht in einem wie auch immer gearteten „Kampf der Kulturen“. Dieses Konzept lehnt er ab, weil es sich dabei um ein polit-strategisches Paradigma der Fundamentalisten handele, um die Hegemonie in der je eigenen Kultur zu erlangen. Der Autor entwickelt einen handlungstheoretischen Fund...weiterlesen



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