Portal für Politikwissenschaft

Die Mitte im Umbruch

Oliver Decker / Johannes Kiess / Elmar Brähler

Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012. Hrsg. für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Ralf Melzer

Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2012; 142 S.; brosch., 9,90 €; ISBN 978-3-8012-0429-7
Die im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erstellte Studie ist Teil einer 2002 begonnenen und seit 2006 im Zweijahresrhythmus fortgesetzten Reihe. Die Autoren definieren Rechtsextremismus als „Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen“ (18). Die Analyse basiert auf einer repräsentativen Datenerhebung, in deren Zuge 2.415 deutsche Staatsbürger einen aus 18 Aussagen-Items bestehenden Fragebogen ausgefüllt haben, wobei eine Fünfer-Antwortskala (von „lehne völlig ab“ bis „stimme voll und ganz zu“) vorgegeben war. Die Items wurden in Dreiergruppen gebündelt und zu den sechs Einstellungsdimensionen „Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur“, „Chauvinismus“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Antisemitismus“, „Sozialdarwinismus“ und „Verharmlosung des Nationalsozialismus“ verdichtet. Die ermittelten Befunde fördern eine teils alarmierend hohe Zustimmung zu rechtsextremem Gedankengut zutage. So wünscht sich jeder Zehnte einen „Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert“ (32). Chauvinismus als „Form übersteigerten Nationalgefühls mit gleichzeitiger Fremdabwertung“ ist in der Bevölkerung breit verankert, z. B. fordern fast 30 Prozent ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland. Sogar 36 Prozent sind der Ansicht, „die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“ (34; Dimension Ausländerfeindlichkeit). Antisemitische Ressentiments sind zwar weniger stark, gleichwohl deutlich ausgeprägt: Knapp 20 Prozent befinden, „[a]uch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“ (35). Jede_r Zehnte ist der unethischen Überzeugung, es gebe wertvolles und lebensunwertes Leben (Sozialdarwinismus) sowie „[o]hne Judenvernichtung würde man Hitler heute als großen Staatsmann ansehen“ (37). Die Einstellungsmuster werden nach soziodemografischen Merkmalen wie Bildung, Alter, Erwerbsstatus, Herkunft aus Ost- oder Westdeutschland aufgeschlüsselt, aber auch die Parteipräferenz und Kirchenzugehörigkeit werden als kritische Einflussfaktoren berücksichtigt. Im abschließenden Resümee plädieren die Verfasser für eine Intensivierung politischer Bildungsanstrengungen vor allem in der Schule, zudem warnen sie davor, Rechtsextremismus als exklusiv ostdeutsches Problem abzutun. Obschon 16 Prozent der Ostdeutschen ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“ (114) haben, seien vor allem Jugendarbeitslosigkeit, wirtschaftliche Deprivation und soziale Desintegration regionenübergreifende gesellschaftliche Risikofaktoren, die das Abdriften in rechtsextreme Milieus beschleunigen könnten.
Ulrich Heisterkamp (HEI)
Politikwissenschaftler, Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Universität Regensburg.
Rubrizierung: 2.37 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Ulrich Heisterkamp, Rezension zu: Oliver Decker / Johannes Kiess / Elmar Brähler: Die Mitte im Umbruch. Bonn: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/9258-die-mitte-im-umbruch_43243, veröffentlicht am 07.02.2013. Buch-Nr.: 43243 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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