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Fraktionen im Deutschen Bundestag 1949-1997

Suzanne S. Schüttemeyer

Fraktionen im Deutschen Bundestag 1949-1997. Empirische Befunde und theoretische Folgerungen

Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998; 397 S.; 98,- DM; ISBN 3-531-13046-3
Politikwiss. Habilitationsschrift Lüneburg; Erstgutachter: U. Thaysen. - Seit den siebziger Jahren wird der Bundestag auch als Fraktionenparlament bezeichnet. Dieser Ausdruck ist insofern zutreffend, als die Fraktionen und insbesondere die jeweiligen Regierungsfraktionen die "Herren" des Bundestages sind. Sie bzw. ihre damit befaßten Geschäftsführer, Obleute usw. entscheiden über Inhalt und Ablauf des Betriebes. Um so erstaunlicher ist die Tatsache, daß Schüttemeyers Buch die erste politikwissenschaftliche Monographie zum Thema Fraktionen im Bundestag darstellt - auch ein Beleg für die weitgehende Vernachlässigung der real existierenden zentralen Institutionen durch den mainstream der deutschen Politikwissenschaft. Die Studie ist gut lesbar geschrieben und beruht auf umfangreichem empirischem Material. Die Teile I und II bieten differenzierte Einblicke in Organisation und Funktionsweise der Fraktionen, und zwar nicht nur in systematischer, sondern mehrfach auch in historischer Perspektive, so daß ansatzweise auch der große Wandel parlamentarischer Strukturen seit 1949 erkennbar wird. Aufschlußreich sind auch die immer wieder durchgeführten Vergleiche, zum einen zwischen CDU/CSU- und SPD-Fraktion, zum anderen zwischen großen und kleinen Fraktionen. Auf dieser Grundlage steht im III. Teil (337-368) die Repräsentationsproblematik im Vordergrund, genauer: die Frage, ob professionelle Politik Repräsentation gefährdet oder gar verhindert. In einem großen Bogen - von der Widersprüchlichkeit verbreiteter Parlamentarismuskritik über das Thema Politikverdrossenheit und die Kritik am Berufspolitikertum bis zur Diskussion unterschiedlicher Repräsentationstheorien - gelangt die Autorin zu dem Ergebnis, daß professionelle Politik keineswegs Repräsentation verhindert, sondern sie erst voll zur Entfaltung bringt (366) - und der Bundestag in diesem Sinne ein professionelles Parlament ist (367). Kritisch angemerkt wird jedoch, daß es zu wenig Innovation gebe, zu wenig "Führung in der Sache" (also das, was Anfang der achtziger Jahre als "geistig-politische Führung" bezeichnet wurde). Diese "Führung in der Sache" sei im Bundestag degeneriert zum "Management des Kompromisses": eine "wichtige, aber nicht hinreichende Repräsentationsleistung" (368). Inhaltsübersicht: I. Fraktionen - Stiefkinder der Parlamentsforschung: Ein Problemaufriß: 1. Parlamentsfunktionen; 2. Fraktionsfunktionen; 3. Hypothesen der Arbeit, Gang der Untersuchung. II. Fraktionen als zentrale Aktionseinheiten des Bundestages: 1. Die Fraktionen als Organisation; 2. Die Fraktionen im Prozeß der Wahl und Rekrutierung von Kanzlern und Ministern; 3. Die Fraktionen als Opportunity Structure: Handlungsmöglichkeiten und Handlungsrestriktionen für die Abgeordneten; 4. Zusammenfassung: die empirischen Befunde im Lichte von Spannungsfeldern des Parlamentarismus. III. Professionalisierung der Politik - Verdrossenheit der Bürger: Repräsentationspraktische und repräsentationstheoretische Dimensionen des Themas: 1. Der Irrtum der herrschaftsfreien Selbstregierung; 2. Verhandelte Politik - individualisierte Gesellschaft - diffundierte Macht; 3. Professionelle Politik als Konsequenz der individualisierten Gesellschaft und Voraussetzung parlamentarischer Funktionserfüllung; 4. Professionelles Parlament und demokratische Repräsentation - ein Widerspruch?
Eberhard Schuett-Wetschky (SW)
Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel (www.politik.uni-kiel.de/prof_schuettwetschky.php).
Rubrizierung: 2.321 | 2.331 | 5.41 Empfohlene Zitierweise: Eberhard Schuett-Wetschky, Rezension zu: Suzanne S. Schüttemeyer: Fraktionen im Deutschen Bundestag 1949-1997. Opladen/Wiesbaden: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/4621-fraktionen-im-deutschen-bundestag-1949-1997_6645, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 6645 Rezension drucken

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