Portal für Politikwissenschaft

Bewegte Erinnerung

Silja Behre

Bewegte Erinnerung. Deutungskämpfe um "1968" in deutsch-französischer Perspektive

Tübingen: Mohr Siebeck 2016; IX, 421 S.; 59,- €; ISBN 978-3-16-154166-7
Diss. Bielefeld/Paris; Begutachtung: I. Gilcher‑Holtey, M. Werner. – Der Mai 1968 ist so etwas wie die Bewegung gewordene Idee der Machbarkeit von Geschichte. Sein Erbe, da sind sich die deutsche und die französische Geschichtsschreibung bereits Ende der 1980er‑Jahre – nachdem Debatten, Barrikaden und Kämpfe abgeklungen beziehungsweise abgetragen sind – einig, „ist ein Rätsel, ‚le mystère de 68‘“ (1 f.). Über dieses Mysterium wiederum hat niemand Geringeres als Charles de Gaulle gesagt, es sei schlechterdings unfassbar. Doch auch dieses Diktum ist für Silija Behre kein Grund, nicht dennoch den – überaus packenden, gelungenen – Versuch zu wagen, eine Erinnerungsgeschichte zu ‘68 zu schreiben. Während entsprechende Studien für die französische Seite vorliegen, ist die Beantwortung der Frage, wer denn „definiert, was von der 68er Bewegung erinnert werden soll“ (2), beziehungsweise „wie […] eine soziale Bewegung, die zerfallen ist[, erinnert]“ (356), aus deutscher Sicht ein Desiderat der zeitgeschichtlichen Analyse geblieben. Behre also unternimmt den Versuch, die Deutungskämpfe um die „Generalprobe für die große Revolution“ (3) zu rekonstruieren. Hierfür begibt sie sich – im übertragenen wie im wörtlichen Sinne – in zahlreiche Keller hinab, um deutsches wie französisches Archivgut zutage zu fördern. Tages‑ und Wochenpresse, aber auch Korrespondenzen und andere Textdokumente schwerpunktmäßig aus den 1980er‑Jahren erlauben es ihr, jenseits der bekannten, hegemonialen Erzählperspektiven auf das, was ‘68 gewesen sein soll, strukturierende Mechanismen der Erinnerungskämpfe zu identifizieren. Das, was Maurice Halbwachs einmal kollektives Gedächtnis genannt hat, konstituiert sich abseits prominenter Figuren, wie Dutschke, Kraushaar, Kunzelmann oder Cohn‑Bendit. Stattdessen geht es um komplexe Sprechakte, wie etwa um Konkurrenzen in der Zeitwahrnehmung: Ist ‘68 eigentlich schon erledigt oder läuft es noch weiter? Aber auch die Zuweisung von legitimen Sprecherrollen oder die kognitive Orientierung über die Ereignisse – handelt es sich um einen Erfolg oder ist der Akt der Revolution gescheitert? – spielen eine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, Erinnerung als Vergegenwärtigung des Vergangenen sprachlich zu manifestieren. In dieser Hinsicht ist die Dissertation nicht nur wegen ihrer inhaltlichen Tiefenschärfe auch weit jenseits hinlänglich bekannter Geschichte und Geschichten relevant. Auch als Beispiel einer noch dazu länderübergreifenden Rekonstruktion von Erinnerungskultur setzt der sprachlich beeindruckende Band Maßstäbe.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.222.3312.3132.61 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Silja Behre: Bewegte Erinnerung. Tübingen: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40157-bewegte-erinnerung_48343, veröffentlicht am 24.11.2016. Buch-Nr.: 48343 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

Suchen...