Portal für Politikwissenschaft

Gefährliche Bürger

Liane Bednarz / Christoph Giesa

Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte

München: Carl Hanser Verlag 2015; 255 S.; brosch., 17,90 €; ISBN 978-3-446-44461-4
Ein populistischer Nationalismus ist allerorten in Europa anzutreffen, auch in Deutschland. Dort wird rechtes Gedankengut nicht mehr heimlich und leise, sondern öffentlich und offensiv vertreten, etwa durch die PEGIDA‑Bewegung oder durch die seit dem politischen Umbruch offen rechtspopulistische bis rechtsradikale Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD). „Wer sind diese Menschen, deren Parolen und Überzeugungen in den gesellschaftlichen Diskurs eingesickert sind? Wie ticken sie, was ist ihnen wichtig und was haben sie vor?“ (9) Liane Bednarz und Christoph Giesa holen zur Beantwortung dieser Frage in ihrer Analyse weit aus. Sie spüren den Ressentiments und dem Hass ebenso nach wie den politischen Strategien und den Haltungen, die die Anhänger der neuen Rechten zusammengeführt haben. Besonders erstaunlich ist dabei, wie breit sich deren Gedankengut zur Ablehnung alles Fremden und zur Rückabwicklung der Globalisierung bereits in die Gesellschaft hinein ausgebreitet hat. Von den Zeitungsredaktionen angefangen, über die verschiedenen Landesparlamente, über Facebook und Twitter bis in die konservativ‑christlichen Kreise reicht die Präsenz dumm‑völkischen Schwadronierens, das die reale Komplexität so sehr ins Einfache verzerrt, sodass kaum mehr verständlich ist, wie man dem überhaupt noch Glauben schenken kann. Dennoch steht zu befürchten, wie Bednarz und Giesa zeigen, dass hiermit erst das politisch‑kommunikative Klima geschaffen ist, das dann noch viel mehr Menschen anziehen wird als heute ohnehin schon. Indem sie diese wichtige Einsicht formulieren, zeigen sie auch, worum es in der Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus künftig gehen muss: Es wird zu fragen sein, wie die Bedingungen des Zusammenlebens in unseren ansonsten sehr reichen, sicheren, gut ausgestatteten Demokratien wohl beschaffen waren, dass immer mehr Menschen populistische Parolen eben nicht als das begriffen haben, was sie sind –, sondern begonnen haben, ihnen erst Gehör und dann Glauben zu schenken. Denkt man in diese Richtung weiter, wird man nicht umhinkönnen zuzugestehen, dass lange Jahre wirtschaftlicher Exklusion, Prekarisierung und Perspektivlosigkeit ein wesentlicher Schlüssel zur Erklärung dessen sind, was gerade auf der politischen Bühne passiert. Ein Appell zum Zusammenstehen und zum gemeinsamen Kampf, wie ihn Bednarz und Giesa zum Abschluss ihres Bandes formulieren, ist richtig und wichtig – nur geht er am Ziel vorbei. Denn es gilt doch nicht, die ohnehin schon von der Demokratie Überzeugten zu gewinnen – es geht darum, all diejenigen nicht zu verlieren, die in autoritären Regierungsformen ihre Zukunft zu erblicken meinen.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.372.352.331 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Liane Bednarz / Christoph Giesa: Gefährliche Bürger. München: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40126-gefaehrliche-buerger_47652, veröffentlicht am 27.10.2016. Buch-Nr.: 47652 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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