Portal für Politikwissenschaft

Euphorie und Wehmut

Ece Temelkuran

Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe und Monika Demirel

Hamburg: Hoffmann und Campe 2015; 240 S.; 2. Aufl.; geb., 20,- €; ISBN 978-3-455-50373-9
Ece Temelkuran verortet die aktuellen Entwicklungen in der Türkei in einer Kultur extremer Gewalt und einer Tradition des Gedächtnisverlusts. Von der Auslöschung der Armenier 1915 über das Hutgesetz von 1925, die Kurdenmassaker in Dersim 1937/38, die Militärputsche 1960, 1971 und 1980 bis hin zu der brutalen Härte der AKP heute gegen ihre Gegner – Ece Temelkuran zählt die Traumata einer Nation auf und schildert ihre psychosozialen Auswirkungen: „Das Einüben von Vergessen und Verdrängen, von Desinteresse und Blindheit, das mit der Gründung der Republik einsetzte, wurde später durch Wiederholung perfektioniert, heute ist die Türkei ein wahrer Meister im Vergessen.“ (40) Und sie stellt fest, dass angesichts der Kultur der extremen Gewalt in der Türkei bereits Höflichkeit eine Form des Widerstands darstellen könne: „Nett sein kann als revolutionärer Akt gelten, wenn Sie ermutigt oder gar gezwungen werden, das Gegenteil zu tun.“ (179) Temelkuran, türkische Juristin, Journalistin und Schriftstellerin, die ihre Anstellung beim türkischen TV‑Sender Habertürk verlor, als sie über einen Bombenangriff des Militärs berichtete, bei dem kurdische Zivilisten getötet wurden, betreibt keine nüchterne Analyse. Ihr Buch hat vielmehr den Charakter einer subjektiv gefärbten Streitschrift. Sie endet durchaus hoffnungsvoll, in dem Wahlausgang vom 7. Juni 2015 sieht sie „Anzeichen für die Entstehung der Zivilgesellschaft, von der die Demonstranten in Gezi geträumt hatten“ (230), und prognostiziert „für die kommenden zehn Jahre, dass in der Türkei und ihren Nachbarländern die Dekade der Kurden angebrochen ist und zwar nicht nur in politischer, sondern auch in kultureller Hinsicht“ (234). Die stetige Ausweitung des neu aufgeflammten Kurdenkonflikts im Südosten der Türkei und die Übergriffe der Gewalt auch auf Städte wie Istanbul oder Ankara waren bei der Drucklegung des Buches nicht absehbar.
Julia Schmidt-Häuer, Dr., Referentin im wissenschaftlichen Dienst der SPD-Bürgerschaftsfraktion in Bremen.
Rubrizierung: 2.632.222.254.42 Empfohlene Zitierweise: Julia Schmidt-Häuer, Rezension zu: Ece Temelkuran: Euphorie und Wehmut. Hamburg: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40113-euphorie-und-wehmut_47864, veröffentlicht am 13.10.2016. Buch-Nr.: 47864 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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