Portal für Politikwissenschaft

Lebenswirklichkeiten und politische Konstruktionen in Grenzregionen

Christian Wille (Hrsg.)

Lebenswirklichkeiten und politische Konstruktionen in Grenzregionen. Das Beispiel der Großregion SaarLorLux: Wirtschaft – Politik – Alltag – Kultur

Bielefeld: transcript Verlag 2015 (Kultur und soziale Praxis); XVI, 329 S.; 34,99 €; ISBN 978-3-8376-2927-9
Euregios sind auch heute, mehr als dreißig Jahre nach dem Abschluss des Schengener Abkommens am 14. Juni 1985, besondere Räume innerhalb der Europäischen Union (EU), weil hier die Grenze weniger trennend als vielmehr verbindend wirkt. Insofern handelt es sich um bi‑ oder trinationale Verschmelzungsräume, in denen die Entstehung einer länderübergreifenden Identität beobachtet werden kann. Am Beispiel der Großregion SaarLorLux gehen die Autorinnen und Autoren des Bandes der Frage nach, wie es eine „grenzüberschreitende gesellschaftliche Praxis“ (X) performativ vermocht hat, einen „zu nationalen Grenzen quer liegenden Raum“ (XI) zu erschließen. In seinem eigenen Beitrag unternimmt der Herausgeber hierzu eine Bestandsaufnahme grenzüberschreitender Alltagspraktiken, wobei er insbesondere regelmäßige grenzüberschreitende Mobilitätsströme in den Blick nimmt. Dabei kann es sich um Mobilität im Rahmen einer Berufstätigkeit ebenso handeln wie um solche mit dem Ziel einzukaufen, sich zu erholen oder kulturelle Events, Freunde und Verwandte zu besuchen. Das zentral gelegene Luxemburg erweist sich dabei als besonderer Hotspot für grenzüberschreitende Mobilität, was, wie Wille ausführt, insbesondere an der weitreichenden sprachlichen Anschlussfähigkeit durch Bilingualität liege. Ansonsten sei eine starke regionale Fragmentierung nach Sprachen festzustellen, die sich in immer noch schwierig herzustellenden politischen Kooperationen äußere. Auch sei den Bewohner_innen erstaunlich wenig bewusst, dass sie in einer hochgradig mobilen Grenzregion lebten. In ihrem abschließenden Beitrag fragt Birte Nienaber dementsprechend, worum es sich bei der Großregion SarLorLux eigentlich handelt – um ein politisches Konstrukt, um sehr verschiedene Lebenswirklichkeiten oder gar um etwas gänzlich anderes? Eine eindeutige Antwort auf diese Fragen sei, so ihre Einschätzung, nur schwerlich möglich. Nur so viel lasse sich sagen: „Die Großregion SarLorLux ist [...] v.a. eine (sozial) konstruierte, dynamische und stets kontextbezogene ‚Wirklichkeit’ multipler Grenzziehungen.“ (313) Räume, so lässt sich daraus ableiten, sind immer nur die, die ihre Bewohner gestalten. Dieser konstruktivistische Raumbegriff kann sich als analytisch ebenso wertvoll wie vielfältig erweisen, gerade wenn die Bedeutung geografischer Grenzlinien weiter in den Hintergrund tritt.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.614.52.3252.212.2622.2632.3422.343 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Christian Wille (Hrsg.): Lebenswirklichkeiten und politische Konstruktionen in Grenzregionen. Bielefeld: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40104-lebenswirklichkeiten-und-politische-konstruktionen-in-grenzregionen_47750, veröffentlicht am 06.10.2016. Buch-Nr.: 47750 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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