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Vergleichende Verfassungstheorie und Verfassungspraxis

Peter Häberle

Vergleichende Verfassungstheorie und Verfassungspraxis. Letzte Schriften und Gespräche

Berlin: Duncker & Humblot 2016 (Schriften zum Öffentlichen Recht 1310); 465 S. ; 99,90 €; ISBN 978-3-428-14764-9
In diesem Band spiegelt sich das Werk von Peter Häberle der vergangenen zehn Jahre – gerade aber auch diese „letzten Schriften und Gespräche“ eignen sich hervorragend, möchte man sich vielleicht zum ersten Mal mit dem kulturwissenschaftlichen Ansatz beschäftigen, über den der Rechtswissenschaftler „Verfassungstheorie und Verfassungspraxis“ für die Diskussion öffnet. Beteiligte an dieser Diskussion sollen keineswegs nur Fachleute sein, sondern alle Bürger. Angelehnt an Karl Poppers Konzept der offenen Gesellschaft formuliert Häberle das „Paradigma von der offenen Gesellschaft der Verfassungsinterpreten“ (278). Wie sein Ansatz genau zu verstehen ist und wie er in Verfassungswirklichkeit umgesetzt werden kann, veranschaulicht Häberle in mehreren wissenschaftlichen Interviews, die er verschiedenen anderen Rechtswissenschaftlern etwa mit Blick auf Brasilien oder die Türkei gegeben hat und die im dritten Teil des Buches in deutscher Übersetzung nachgedruckt sind. Kernelement ist die Offenheit der Verfassung und ihrer Interpretation, um eine Sensibilität für neue Entwicklungen zu erzielen – konkret geht es Häberle dabei um eine sozial gerechte Bewältigung von gesellschaftlichen Problemen. Dieses ideale Konzept, das seine gedanklichen Vorläufer auch bei Cicero, Smend und Habermas hat, sieht Häberle allerdings akut gefährdet durch „Vermachtungsprozesse einerseits und beklagenswerte Ökonomisierungsvorgänge andererseits, wir sehen aber auch Positives: Nichtregierungsorganisationen sind an den weltweiten Informationsprozessen […] beteiligt, etwa im Umweltrecht“ (279) oder bei der Ausformulierung der Menschenrechte. Hervorzugehen ist zudem der zweite Teil des Bandes mit Analysen neuerer Verfassungen und Verfassungsentwürfe. Ein Beispiel ist die für den arabischen Raum sehr fortschrittliche Verfassung Tunesiens, in der Häberle „die Kulturdimension der Verfassung zu einem eindrucksvollen Text geronnen“ sieht, wenn die Menschheit mit der arabischen und muslimischen Nation verflochten und die Einheit des Landes auf „‚Bürgerschaft, Brüderlichkeit, Solidarität und soziale Gerechtigkeit‘“ (163) gegründet wird. Auch werde „in nicht weniger als vier Artikeln die Menschenwürde thematisiert“ (170). Insgesamt seien alle Beiträge des Bandes – vor dem Hintergrund, dass sein Werk seit 1983 in fünfzehn Sprachen übersetzt worden sei – stark auf das Ausland hin konzipiert, der erste Teil über den neuen Konstitutionalismus sei zudem als sein Versuch zu lesen, so Häberle, seinen Ansatz einer universalen Verfassungslehre (von 2013) fortzuführen.
Natalie Wohlleben, Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 1.35.412.212.612.632.652.672.32 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Peter Häberle : Vergleichende Verfassungstheorie und Verfassungspraxis. Berlin: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40089-vergleichende-verfassungstheorie-und-verfassungspraxis_48295, veröffentlicht am 29.09.2016. Buch-Nr.: 48295 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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