Portal für Politikwissenschaft

Das Symbolische, das Imaginäre und die Demokratie

Paula Diehl

Das Symbolische, das Imaginäre und die Demokratie. Eine Theorie politischer Repräsentation

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Studien zur Politischen Soziologie 34); 387 S.; brosch., 74,- €; ISBN 978-3-8487-2777-3
Habilitationsschrift HU Berlin; Begutachtung: H. Münkler. – „Der Körper ist eines der wichtigsten Medien der politischen Repräsentation“ (29) – ein Schlüsselsatz der Studie Paula Diehls, die sich mit der symbolischen Bedeutung des Körpers im Kontext politischer Kommunikationen befasst. Die Autorin argumentiert vehement für eine soziologische Erweiterung des Begriffs der politischen Repräsentation, die zum einen das Verhältnis von Repräsentations‑ und Demokratietheorie stärker ausarbeitet und zum anderen Möglichkeiten einer entsprechend empirisch ausgerichteten politischen Kulturforschung benennt. Zunächst geht es ihr um die Explikation eines allgemeinen – also für unterschiedliche politische Ordnungen geltenden – Modells von Repräsentation. Im Anschluss an wissenssoziologische (Schütz, Berger/Luckmann) und phänomenologische (Castoriadis) Perspektiven hebt sie Symbolizität, Performativität und das politisch Imaginäre (im Sinne einer kollektiven Vorstellungskraft) als dessen wesentliche Merkmale hervor. Unter normativen Gesichtspunkten verweist Repräsentation auf gesellschaftsstrukturell verankerte Referenzen; im Kontext der Moderne ist das Prinzip der Volkssouveränität leitend. Der historische Prozess von einer göttlichen zur demokratischen Legitimität – hier folgt die Autorin der Demokratietheorie Leforts – erlaubt es heute nicht mehr, Macht durch einen Herrscher zu verkörpern, denn in der Demokratie ist „der symbolische Ort der Macht [...] leer“ (27). Gleichwohl behält der „Repräsentantenkörper“ (186) seine Funktion als symbolisches Medium der Demokratie – aber die Anforderungen an demokratiekompatible Inszenierungen werden komplexer. Anhand exemplarischer Fälle (unter anderem Berlusconi, Wagenknecht, Obama, Merkel) diskutiert Diehl zum einen Formen der Inszenierung im Grenzbereich von politischer Repräsentation und Unterhaltung. Zum anderen setzt sie sich an diesen empirischen Beispielen mit dem für die Moderne typischen Spannungsverhältnis von normativ geforderter Universalität und faktischer Partikularität der Repräsentationsrollen auseinander. Demokratische Repräsentation, weil immer auf die politische Gemeinschaft insgesamt verweisend, verlangt eigentlich einen neutralen Körper – tatsächlich aber werden die Inszenierungen politischer Repräsentanten stets vor einem spezifischen Horizont soziokultureller Erwartungen des Publikums wahrgenommen, die – vom Mediensystem verstärkt – mehr oder weniger demokratiezuträglich ausfallen können. Auch wenn die Interpretation der die Repräsentation tragenden Kommunikationsprozesse zuweilen von gesellschaftstheoretischen Ambitionen überlastet erscheint, handelt es sich aufs Ganze gesehen um eine sehr inspirierende Studie, die das Symbolische und Imaginäre als konstitutive Bestandteile des Politischen ausweist.
Thomas Mirbach, Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.412.222.2 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Paula Diehl: Das Symbolische, das Imaginäre und die Demokratie. Baden-Baden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40000-das-symbolische-das-imaginaere-und-die-demokratie_48429, veröffentlicht am 18.08.2016. Buch-Nr.: 48429 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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