Portal für Politikwissenschaft

Rassismus, Imperialismus und die Idee menschlicher Entwicklung

Thomas McCarthy

Rassismus, Imperialismus und die Idee menschlicher Entwicklung. Aus dem Englischen von Michael Müller

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2015 (edition suhrkamp 2688); 402 S.; ISBN 978-3-518-12688-2
Der 2009 im englischen Original erschienene Band enthält sieben Abhandlungen von Thomas McCarthy, in denen er sich mit einer spezifischen Ausprägung des liberalen Paradoxes – dem Widerspruch von universalistischen Prinzipien und einer partikularen Machtinteressen folgenden Praxis – auseinandersetzt. Die McCarthy leitende Prämisse des von ihm beabsichtigten Beitrags zu einer „kritischen Geschichte der Gegenwart“ (10) besagt, dass in die Tradition des politischen Denkens seit der Aufklärung, gewiss in historisch jeweils modifizierter Form, imperialistische und rassistische Motive eingeschrieben sind, die immer auch zur ideologischen Legitimierung ungleicher Verteilung von Ressourcen – innerhalb einer Gesellschaft wie zwischen Gesellschaften – herangezogen wurden. Dieser implizite Eurozentrismus manifestiert sich in einem Konzept gesellschaftlicher Entwicklung, das im Kern auf einer hierarchischen Unterscheidung zwischen Menschengruppen als Repräsentanten unterschiedlicher Rassen und Entwicklungsstufen beruht. In der aktuellen Debatte hat sich der klassische, biologisch fundierte Rassismus in einen Neorassismus transformiert, der kulturelle Merkmale zur negativen Typisierung jener anderen verwendet, die auch schon vom klassischen Rassismus diskriminiert worden sind. McCarthy setzt sich in seinen Abhandlungen mit ausgewählten Theoretikern und Ideen vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart auseinander, in denen sich Entwicklungstheorie, Rassismus und Imperialismus überschneiden. Zunächst an Kant und dann an Mill werden widersprüchliche Aussagen über Entwicklung und Rassen als Positionen einer Aufklärung interpretiert, die eine zugleich progressive und dezidiert eurozentrische Lesart von Geschichte zum Ausdruck bringt. Vor allem mit Blick auf die amerikanische Debatte geht es um unterschiedliche Spielarten des Sozialdarwinismus, der Differenzen stets als – sei es biologisch, sei es kulturell bedingte – Defizienzen darstellt. Ein deutsch‑amerikanischer Vergleich der Praktiken von Erinnerungspolitik unterstreicht die Bedeutung der kritischen Vergegenwärtigung einer von Repression geprägten Vergangenheit. McCarthy argumentiert aus einer an Habermas angelehnten Sicht eines expliziten Multikulturalismus. Er geht von der Realität multipler Modernen aus und verteidigt eine kritische Theorie globaler Entwicklung gegenüber postmodernen Ansätzen, die den Modernitätsbegriff zugunsten einer „postdevelopmentalen Theorie der Differenz aufgegeben“ (371) haben.
Thomas Mirbach, Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.15.424.422.23 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Thomas McCarthy: Rassismus, Imperialismus und die Idee menschlicher Entwicklung. Frankfurt a. M.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39976-rassismus-imperialismus-und-die-idee-menschlicher-entwicklung_48036, veröffentlicht am 04.08.2016. Buch-Nr.: 48036 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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