Portal für Politikwissenschaft

Als der Holocaust noch keinen Namen hatte/Before the Holocaust had its Name

Regina Fritz / Éva Kovács / Béla Rásky (Hrsg.)

Als der Holocaust noch keinen Namen hatte/Before the Holocaust had its Name. Zur frühen Aufarbeitung des NS-Massenmordes an den Juden/Early Confrontations of the Nazi Mass Murder of the Jews

Wien: new academic press 2016 (Beiträge zur Holocaustforschung des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien 2); 460 S. ; pb., 32,- €; ISBN 978-3-7003-1941-2
Seit den frühen 1960er‑Jahren setzte sich zunächst im englischen Sprachraum der aus dem Griechischen stammende Begriff Holocaust für die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland durch. Die entsprechend als Holocaustforschung bezeichnete Disziplin, die dieses Jahrhundertverbrechen erforscht, nahm lange an, dass intensivere Aufarbeitungsbemühungen erst in jener Zeit einsetzten. In den Beiträgen des Bandes, der auf eine Tagung im Winter 2012 in Wien zurückgeht, werden demgegenüber „verschiedene Formen der frühen Auseinandersetzung mit dem Holocaust [diskutiert] und […] die Rolle verschiedener geschichtspolitischer Akteurinnen und Akteure bei den diversen geschichtspolitischen Debatten [beleuchtet]“ (8). Damit gerät eine Zeitspanne in den Blick, die das Jahrzehnt von den ersten Massenmorden Anfang 1940 bis zum Beginn der 1950er‑Jahre umfasst. Untersucht werden Versuche archivalischer Dokumentation unter den Bedingungen von Krieg und Lagerleben, literarische Verarbeitungen sowie politische und gesellschaftliche Thematisierungen in Ost‑, West‑ und Nordeuropa sowie den Vereinigten Staaten. Hervorzuheben ist dabei besonders das vielfältige Engagement jüdischer Überlebender in historischen Kommissionen oder durch das Verfassen von Memoiren und Autobiografien. So existierte schon früh eine Reihe von Initiativen und Vorhaben – allerdings „bildete sich in der Öffentlichkeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst kein Konsens darüber, wie die Ermordung der europäischen Juden einzuordnen und wie darüber zu sprechen sei“ (12), so die Herausgeber. Sowohl auf Seiten der Überlebenden wie der Mehrheitsgesellschaften begann bald ein „Vergessen“ und „Beschweigen“ (13) des Geschehenen, das dann tatsächlich erst später wieder allmählich aufgebrochen werden konnte. Die entsprechenden Bemühungen gerade mit Blick auf Opferinitiativen stehen dabei auch im Zusammenhang mit Bemühungen der Geschichtswissenschaft, die Perspektive der Holocaustforschung nicht nur auf die Täterseite zu richten, wie dies gerade in Deutschland lange der Fall war. Die Autor_innen zeigen so „das vielfältige Leben und Handeln der Verfolgten und machen auf die Diversität der Verfolgungserfahrungen sowie auf lokale Unterschiede aufmerksam“ (17).
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.352.3122.3132.61 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Regina Fritz / Éva Kovács / Béla Rásky (Hrsg.): Als der Holocaust noch keinen Namen hatte/Before the Holocaust had its Name. Wien: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39822-als-der-holocaust-noch-keinen-namen-hattebefore-the-holocaust-had-its-name_47615, veröffentlicht am 14.07.2016. Buch-Nr.: 47615 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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