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Der besondere Fall Jena

Gottfried Meinhold

Der besondere Fall Jena. Die Universität im Umbruch 1989-1991

Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2014 (Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Jena 2); 447 S.; kart., 66,- €; ISBN 978-3-515-10827-0
Im dritten Jahrzehnt nach dem Systemumbruch 1989/90 liegen mittlerweile zahlreiche Publikationen zur Geschichte ostdeutscher Universitäten und ihrem Umgang mit der Vergangenheit vor (siehe Buch‑Nr. 43901). Auch dieser elfte Band der Reihe „Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Jena“ hat bereits eine Art Vorläufer: die zweibändige Studie „Hochschule im Sozialismus – Studien zur Geschichte der Friedrich‑Schiller‑Universität Jena (1945‑1990)“. Einleitend beschreibt der Autor, ab 1985 außerordentlicher Professor der Universität, die Bedingungen für eine demokratische Umgestaltung an der Uni Jena als offenbar besonders günstig, vor allem dank Akteuren der medizinischen Fakultät sowie aus Mathematik und Naturwissenschaften, den ideologisch weniger korrumpierten Wissenschaftszweigen. Die Bezeichnung Jenas als Sonderfall unter den ostdeutschen Hochschulen, die sich am ehesten auf das Tempo und den frühen Beginn der Umwälzungen (bereits zum Jahresende 1989) beziehe, sei dabei allerdings „ein der Außenwahrnehmung entstammendes Wort“, das „im internen Sprachgebrauch keine Verwendung“ (22) gefunden habe. Meinhold beschreibt die Vorgeschichte zurück bis in die 1960er‑Jahre anhand studentischer oder akademischer Aktionen sowie erste konkretere Anläufe im Zuge der FDJ‑Wahlen 1988. Dann widmet er sich detailliert dem Prozess des internen Umbruchs ab Anfang Oktober 1989, mit Auszügen aus Protokollen der einschlägigen Gremien und oft unter Verweis auf zugehörige Dokumente im gut 170 Seiten langen Dokumententeil. Zum Verständnis sind Kenntnisse über Hochschulstrukturen und ‑gremien dabei unabdingbar. Am Beispiel konkreter Fachbereiche wird die Entwicklung indes greifbarer; Meinhold beschreibt hier einen (unabhängig vom „Sonderfall“ Jena) spannenden Teilaspekt der deutschen Wiedervereinigung und zeigt auch, wie wichtig dabei die Unterstützung westdeutscher Hochschullehrer, in diesem Fall vor allem aus Hessen, war. Abschließend beleuchtet er Aspekte von Wiedergutmachung und Vergangenheitsbewältigung, ausführlich etwa anhand des Streits um die Entfernung der Jenaer Marx‑Büste 1992. Meinhold liefert eine Mischung aus Zeitzeugenbericht (bisweilen in der Ich‑Form) und historischer Studie; an ihn als Zeitzeugen, Uni‑Akteur und nun Chronisten stellt sich dabei die Frage nach der Distanz, vor allem gegenüber den behandelten Personen. Wertvoll an seinem Buch ist nicht zuletzt die Dokumentation im Anhang zur Zusammenarbeit von Universitätsangehörigen mit dem Ministerium für Staatssicherheit.
Frank Kaltofen, Politikwissenschaftler, Promotionsstudent, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.3152.3142.3432.35 Empfohlene Zitierweise: Frank Kaltofen, Rezension zu: Gottfried Meinhold: Der besondere Fall Jena. Stuttgart: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39825-der-besondere-fall-jena_48272, veröffentlicht am 14.07.2016. Buch-Nr.: 48272 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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