Portal für Politikwissenschaft

Blackbox Abschiebung

Miltiadis Oulios

Blackbox Abschiebung. Geschichte, Theorie und Praxis der deutschen Migrationspolitik

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2015 (edition suhrkamp); XXVIII, 484 S.; erw. Neuausgabe; 16,- €; ISBN 978-3-518-07253-0
Dass das Buch von der Aufmachung bereits dem ähnelt, was man sich gemeinhin unter einer Blackbox vorstellt, weist schon auf dessen vielschichtige Entstehung hin. Hervorgegangen ist es aus einem gleichnamigen Projekt, in dessen Rahmen eine Ausstellung und der Film von Ralf Jesse mit dem Titel „Die Geduldeten“ realisiert wurden. Das Buch steht also in einem größeren Zusammenhang, der vor allem eines will: Sichtbarkeit herstellen, wo aus strategischen Gründen bislang Unsichtbarkeit geherrscht hat. „Abschiebungen als Teil der Migrationspolitik passen nicht zum Selbstbild einer ‚weltoffenen Gesellschaft‘. Das ist den staatlichen Akteuren durchaus bewusst, daher versuchen sie, den Komplex ‚Abschiebung‘ unsichtbar werden zu lassen. Abschiebung wird zur Blackbox“ (19). Wer das Buch von Miltiadis Oulios öffnet, öffnet auch die Blackbox und kann sehen, wie eine politische Praxis direkt, unvermittelt und auf fast obszöne Weise in das Leben von Menschen eingreift. Auch in dieser Hinsicht ist das Buch eine Blackbox, denn in ihm ist wie in einem Flugschreiber alles aufgezeichnet und damit rekonstruierbar. Das Buch besteht aus Schilderungen von Menschen, die abgeschoben wurden, in Abschiebehaft sitzen oder von Abschiebung bedroht sind. Ihre Erfahrungen, Wünsche, Probleme und Gedanken lassen den Komplex Abschiebung als eine erfahrbare politische Realität hervortreten. Unterbrochen werden die Schilderungen immer wieder von Oulios’ Erklärungen und theoretischen Reflexionen, die die rohen Erfahrungen mit der Abschiebung in einen breiteren Kontext einbetten. Die theoretische Perspektive ist vor allem von dem Ansatz der Autonomie der Migration und der Analyse des Neo‑Rassismus inspiriert. Die Grundthese ist demnach, dass Migration kein durch Recht oder Politik steuerbares Phänomen ist. Im Gegenteil muss die Migration als politische Realität anerkannt und verrechtlicht werden: „Der entscheidende Punkt ist, dass dieses Recht durch die Praxis der Migration erschaffen wird – als Realität und politischer Begriff, der legitimerweise ins Recht gesetzt werden will“ (79). An unzähligen Stellen weist Oulios auf einen wichtigen, von Hardt und Negri bereits um die Jahrtausendwende formulierten Punkt hin: Die globalisierte Welt erschafft nicht nur eine neue globale Ordnung aus Institutionen, Märkten und Wirtschaftsgipfeln. Sie produziert auch das Verlangen nach Freiheit, das sich in der Migration als das Verlangen nach freier Mobilität ausdrückt. Diese autonome Dimension der Migration setzt Oulios auf beeindruckende Weise immer wieder gegen verschiedene Diskurse, in denen Migrierende als Opfer oder Täter auftauchen. „Blackbox Abschiebung“ stellt nicht nur die Sichtbarkeit einer politischen Praxis her, sondern liefert auch unzählige Argumente, warum diese Praxis keinesfalls bestehen bleiben muss.
Janosik Herder, M. A., Politikwissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fachgebiet Politische Theorie, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Universität Osnabrück.
Rubrizierung: 2.343 Empfohlene Zitierweise: Janosik Herder, Rezension zu: Miltiadis Oulios: Blackbox Abschiebung. Frankfurt a. M.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39907-blackbox-abschiebung_48391, veröffentlicht am 07.07.2016. Buch-Nr.: 48391 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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