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Reformen und ihre politisch-ökonomischen Fallstricke

Martin Held / Gisela Kubon-Gilke / Richard Sturn (Hrsg.)

Reformen und ihre politisch-ökonomischen Fallstricke

Marburg: Metropolis-Verlag 2015 (Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik 14); 337 S.; 36,80 €; ISBN 978-3-7316-1126-4
Wohl kaum ein Begriff ist derzeit im politischen Diskurs so diskreditiert wie jener der Reform. Anstatt der verheißungsvollen Veränderung zum Besseren passiert in den Augen vieler Beobachter zu häufig – nichts. Und dennoch: Reformen als Ausdruck permanenter Veränderung und Anpassung sind im politischen Betrieb nahezu allgegenwärtig. Dabei gelte es auszuloten, so Richard Sturn in seinem einleitenden Beitrag, wo genau der schmale Grat zwischen – mitunter durchaus berechtigten – Logiken des Sachzwanges und „relevanten Alternativen“ (12) verlaufe und wie weit Reformen in komplexen, diversifizierten Gesellschaften überhaupt reichen können. Allen Beiträgen geht es dabei ex‑ oder implizit um die Frage, wann es überhaupt an der Zeit für Reformen ist. Ihre inhaltliche Varianz ist dabei groß. Ronnie Schöb geht in seinem eher breit angelegten Beitrag der Frage nach, inwieweit reforminduzierende Gegenwartsdiagnosen derzeit überhaupt auf adäquate Indikatoren zurückgreifen können. Ein „idealer Wohlstandsindikator“ (84), so seine Einschätzung, sei dabei nicht in Sicht. Denn eindimensionale Wohlstandsindikatoren, wie etwa die Orientierung am inländischen Wirtschaftswachstum über die Bemessung des BIP, seien nicht nur stark normbelastet, sondern auch so ausgewählt, dass sie komplexe Wirklichkeiten und Wechselwirkungen kaum mehr abzubilden vermögen. In einem thematisch wesentlich enger gefassten Beitrag geht Johann K. Brunner der Frage nach, ob ein beitrags‑ oder ein kapitalgedecktes Renten‑ und Pensionssystem zukunftssicherer sei: „Die gravierende Änderung der demographischen Struktur in vielen Staaten – die Alterung der Gesellschaft – macht die öffentliche Finanzierung des öffentlichen Pensionssystems zu einem Dauerthema der politischen Debatte.“ (289) Dabei, so Brunner, scheint ein gemischter Ansatz zur Reform am erfolgversprechendsten: Die weitere moderate Heraufsetzung des Renteneintrittsalters scheint dabei ebenso angezeigt wie eine stärkere private Vorsorge durch mittlere und höhere Einkommensschichten. Gerade die unteren sozialen Schichten, so sein Plädoyer, dürften im Reformprozess nicht vergessen und schon gar nicht abgehängt werden. Gefordert sei damit allerdings Mut zur Umverteilung.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.25.45 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Martin Held / Gisela Kubon-Gilke / Richard Sturn (Hrsg.): Reformen und ihre politisch-ökonomischen Fallstricke Marburg: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39725-reformen-und-ihre-politisch-oekonomischen-fallstricke_48112, veröffentlicht am 02.06.2016. Buch-Nr.: 48112 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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