Portal für Politikwissenschaft

Vom Imaginären zur Autonomie

Nicola Condoleo

Vom Imaginären zur Autonomie. Grundlagen der politischen Philosophie von Cornelius Castoriadis

Bielefeld: transcript Verlag 2015; 195 S.; kart., 34,99 €; ISBN 978-3-8376-3189-0
Diss. phil. Zürich; Begutachtung: G. Kohler, P. Merz‑Benz. – Ins Zentrum ihrer Rekonstruktion der politischen Philosophie von Cornelius Castoriadis stellt Nicola Condoleo die Begriffe des Imaginären und der Autonomie. Das Imaginäre bezeichnet bei Castoriadis die grundlegende Fähigkeit der Gesellschaft, Bedeutungen zu erschaffen. Er unterscheidet dabei zwischen dem radikal Imaginären, dem schöpferischen Akt, bei dem neue Bedeutungen produziert werden, und den instituierten Bedeutungen, dem aktual Imaginären. Verliert die Gesellschaft das Bewusstsein dafür, dass am Anfang der instituierten gesellschaftlichen Bedeutungen ein Schöpfungsakt stand, diese also prinzipiell veränderbar sind, kommt es zu Fremdherrschaft. Zur Beschreibung des Vorgangs, bei dem sich die Institutionen verselbstständigen und sich der gesellschaftlichen Kontrolle entziehen, greift Castoriadis auf das marxistische Konzept der Entfremdung zurück, das er jedoch, wie Condoleo in einer ausführlichen Auseinandersetzung zeigt, von seinen essentialistischen Annahmen über das Wesen des Menschen befreit. Das Gegenstück zu der sich aus dem Entfremdungsprozess ergebenden Fremdherrschaft (Heteronomie) stellt für Castoriadis die Autonomie dar. Autonomie, die bei ihm auf wechselseitiger Anerkennung gründet, bezeichnet eine kollektive Praxis der Selbstgesetzgebung. Die Gesellschaft erkennt die Kontingenz bestehender Institutionen, schöpft aus einem nie versiegenden Strom von potenziellen Bedeutungen und setzt dadurch neue Institutionen ins Werk. Während Condoleo in den ersten drei Kapiteln den Begriffsapparat von Castoriadis' politischer Philosophie entfaltet, gehen die beiden letzten Kapitel über eine interne Auseinandersetzung mit seinen Konzepten explizit hinaus. Anhand eines Vergleichs mit der Anerkennungstheorie von Axel Honneth verdeutlicht sie im vierten Kapitel die Stärken von Castoriadis' Ansatz: Mit den Begriffen des Imaginären und der Autonomie sei Castoriadis in der Lage, soziale Konflikte umfassender und in einem radikaleren Sinne als Honneth zu deuten. Schließlich zeigt Condoleo, wie sich die soziale Dimension von Castoriadis' Autonomiebegriff mit dem Begriff des Gemeinsinns beschreiben lässt und sie einem so erlaubt, das liberale, individualistische Verständnis von Autonomie zu überschreiten.
Andreas Schindel, Politikwissenschaftler, Student, Institut für Politikwissenschaft, Universität Bremen.
Rubrizierung: 5.465.42 Empfohlene Zitierweise: Andreas Schindel, Rezension zu: Nicola Condoleo: Vom Imaginären zur Autonomie. Bielefeld: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39659-vom-imaginaeren-zur-autonomie_48133, veröffentlicht am 04.05.2016. Buch-Nr.: 48133 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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