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Namibia and Germany: Negotiating the Past

Reinhart Kößler

Namibia and Germany: Negotiating the Past

Münster: Westfälisches Dampfboot 2015; XIV, 378 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-89691-857-4
Schätzungsweise 65.000 Menschen fielen dem Kolonialkrieg von 1903 bis 1908 in Namibia – der damaligen Kolonie Deutsch‑Südwestafrika – zum Opfer. Lange als Aufstand bezeichnet und jahrzehntelang kaum in Deutschland thematisiert, werden die blutigen Ereignisse seit dem Sommer 2015 von der Bundesregierung offiziell als Völkermord anerkannt. Reinhart Kößler, ehemaliger Direktor des Arnold‑Bergstraesser‑Instituts an der Universität Freiburg, setzt sich in diesem Buch mit dem schwierigen Thema der Vergangenheitsbewältigung, der Versöhnung und der Erinnerungspolitik in und zwischen Deutschland und Namibia auseinander. „Ever since Namibia attained independence in 1990, her relations with Germany have been marked by intensity, close cooperation and heated debate.” (1) Gerade in Namibia ist der Genozid nach wie vor ein wichtiges Thema in der öffentlichen Diskussion und stellt ein zentrales Thema in den bilateralen Beziehungen dar. Kößler stellt zunächst die historische Verantwortung Deutschlands fest. Dabei zeigt er anschaulich, dass auch in Namibia – je nach Gruppe und Gemeinschaft – unterschiedliche Narrative und Sichtweisen existieren, die sich beispielsweise im Umgang mit Erinnerungsstätten und Denkmälern manifestieren. Dies wird anhand der Verlegung des Reiterdenkmals von Windhoek – ursprünglich für die Schutztruppe errichtet – illustriert. Im Zuge einer Gesamterinnerungskultur wurden dabei bestimmte ethnische Gemeinschaften weitgehend ausgeschlossen, um ein nationales Narrativ zu kreieren. Doch noch heute hat nicht jede Gruppe den gleichen Zugang zu medialen Ressourcen und kann ihre Position daher nicht im gleichen Maße öffentlich machen. Der Autor will sein Werk explizit nicht als Geschichtsbuch verstanden wissen, sondern legt den Schwerpunkt auf die vielschichtigen politischen Entwicklungen der Vergangenheitsbewältigung und ‑deutung. Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile. Nach einem ausführlichen Teil zur Geschichte, in der deutsche wie verschiedene namibische Perspektiven aufgezeigt werden, folgt ein Teil zur Praxis der Erinnerungspolitik und der Narrative in der ehemaligen Kolonie. Im abschließenden Abschnitt geht der Autor auf den komplexen Prozess der Wiedergutmachung und Annäherung ein, der neben einer moralischen Verantwortung auch die Frage nach der materiellen Wiedergutmachung umfasst. Insgesamt handelt es sich um ein facettenreiches Buch, das von den Eindrücken, die der Autor in Namibia gesammelt hat, profitiert und ein Forschungsdesiderat ausfüllt.
Fabrice Gireaud, Dr., Politikwissenschaftler und Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Vechta.
Rubrizierung: 2.672.314.214.22 Empfohlene Zitierweise: Fabrice Gireaud, Rezension zu: Reinhart Kößler: Namibia and Germany: Negotiating the Past Münster: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39632-namibia-and-germany-negotiating-the-past_47967, veröffentlicht am 28.04.2016. Buch-Nr.: 47967 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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