Portal für Politikwissenschaft

Ausgrenzungen

Saskia Sassen

Ausgrenzungen. Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel

Frankfurt a. M.: S. Fischer 2014 (Wissenschaft); 320 S.; 24,99 €; ISBN 978-3-10-002402-2
Saskia Sassen verfolgt mit dieser 2014 in den USA unter dem Titel „Expulsions“ erschienenen Studie zwei Absichten. Erstens möchte sie an exemplarischen Feldern die Erscheinungsformen der vielfältigen Ausgrenzungsprozesse darstellen, die die neuere Entwicklung der kapitalistischen Expansion kennzeichnen. Historisch markieren für sie die 1980er‑Jahre den Beginn der Phase, in der die zunehmende Globalisierung und der Aufstieg der Finanzwirtschaft im Netzwerk der Weltstädte zu einer Verkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ausgrenzung führten. Dabei hat Sassen komplexe Formen der Ausgrenzung im Auge, die über das herkömmliche Verständnis von sozialer Ungleichheit hinausgehen und im Extrem – ähnlich wie bei Agamben – den Betroffenen nichts außer dem eigenen Körper lassen. Sassen geht den unterschiedlichen Verlaufsformen von Ausgrenzung an Beispielen hochentwickelter Länder des globalen Nordens und Entwicklungsländern des globalen Südens nach. Die empirische Vielfalt von Ausgrenzung behandelt sie dabei unter anderem an ökonomischen Indikatoren (Armut, Arbeitslosigkeit, Zwangsversteigerungen), an weltweiter Vertreibung und – speziell auf die USA bezogen – an der Verquickung von Strafjustiz und privaten Gefängnissen. Spezifische Ausgrenzungsmuster verfolgt sie an Strategien spekulativen Landerwerbs durch große Investorengruppen, an industriellen Zerstörungen der Biosphäre und der Ausweitung des Derivatemarktes durch das Finanzsystem. Zweitens geht es Sassen um eine angemessene Deutung dieser Phänomene – und dieser Teil der Studie bleibt leider sehr vage. Zwar sind die von ihr ausgewählten Beispiele an die jeweiligen regionalen Kontexte gebunden, aber – so ihre Hypothese – sie verweisen auf „emergente Trends des Systems“, die aufgrund der Komplexität sozialer Prozesse für das „begriffsorientierte[..] Auge“ (252) der etablierten Wissenschaften vielfach unsichtbar bleiben. Anders als die Ära des Keynesianismus, die auf Basis von Massenproduktion einer Logik der Integration folgte, ist der fortgeschrittene Kapitalismus mit einer Dynamik verknüpft, „die immer mehr Menschen aus dem System hinausdrängt“ (247). Betrachtet man diese Effekte von den Rändern des Systems her, dann erscheint deren Organisationsprinzip als das einer „räuberischen Formation“ (259), Sammlungen mächtiger Akteure, Märkte, Technologien und Regierungen, die sich nicht mehr speziellen Fraktionen oder Personen zuordnen lassen.
Thomas Mirbach, Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 4.434.45 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Saskia Sassen: Ausgrenzungen. Frankfurt a. M.: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39630-ausgrenzungen_47783, veröffentlicht am 28.04.2016. Buch-Nr.: 47783 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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