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Entzauberung: Skizzen und Ansichten zu den USA in der Ära Obama

Tobias Endler / Martin Thunert

Entzauberung: Skizzen und Ansichten zu den USA in der Ära Obama

Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara Budrich 2016; 235 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-8474-0673-0
Vorweg gesagt: Die angekündigte „Entzauberung“ bescheinigt keineswegs das Scheitern von Obamas Präsidentschaft. Die Autoren verstehen Entzauberung im Sinne Max Webers als Abkehr von Verklärung, denn die „Verzauberung der Politik“ Obamas sei „überflüssig und letztendlich kontraproduktiv“ (19) gewesen und habe zu gefährlichen Fehleinschätzungen geführt. Tobias Endler und Martin Thunert verfolgen offensichtlich den Anspruch, ein breites Publikum zu erreichen; dabei greifen sie allerdings teils auf Allgemeinplätze zurück, die politikwissenschaftlich wenig Mehrwert bieten. Ohnehin stellt ihr Buch – weitgehend in der ersten Jahreshälfte 2015 entstanden und basierend auf Interviews („Ansichten“), die teilweise bis 2013 zurückdatieren – eher eine Momentaufnahme dar. Für Beobachter der USA bietet sich darum wenig Neues. Die Autoren widmen sich zudem eher längerfristigen Trends, sei es die Entwicklung einer brüchigen Mittelschicht und die wachsende Ungleichheit oder in der Außenpolitik die versuchte Entkopplung von Konfliktregionen wie dem Nahen Osten, die verstärkte Betonung der Eigenverantwortlichkeit der Verbündeten oder der „Schwenk“ nach Asien. Endler und Thunert erläutern dabei die wirkenden Mechanismen gut nachvollziehbar und anschaulich, etwa die zunehmende ideologische, mediale und auch geografische Polarisierung der Wählerschaft, deren Verteilung in sich „geografisch kaum überlappende Stammesgebiete“ (40) für beide großen Parteien Vor‑ und Nachteile mit sich bringt. Anders als so manche deutschsprachige Beobachter enthält sich das Autorenduo weitestgehend der verbreiteten Häme gegenüber den Republikanern, deren Partei meist als die der weißen alten Männer gilt, und bleibt in seinen Analysen alles in allem neutral. Endler und Thunert erläutern und erklären, ohne apologetisch zu sein. Häufig stützen sie sich dabei auf ihre zahlreichen Gespräche mit Experten und aktiven wie auch ehemaligen Akteuren des politischen Prozesses, die ausführlich paraphrasiert und eingestreut werden. An mancher Stelle bleibt allerdings unklar, wann Ansichten der Autoren und wann die der Gesprächspartner zu lesen sind; textbegleitende Interviewausschnitte hätten hierbei Klarheit bringen können. Auch sucht man leider weiterführende Lektürehinweise, etwa zur Tea‑Party‑Bewegung, meistens vergeblich.
Frank Kaltofen, Politikwissenschaftler, Promotionsstudent, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.642.22.212.224.224.41 Empfohlene Zitierweise: Frank Kaltofen, Rezension zu: Tobias Endler / Martin Thunert: Entzauberung: Skizzen und Ansichten zu den USA in der Ära Obama Opladen/Berlin/Toronto: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39582-entzauberung-skizzen-und-ansichten-zu-den-usa-in-der-aera-obama_47422, veröffentlicht am 07.04.2016. Buch-Nr.: 47422 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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