Portal für Politikwissenschaft

Karl Georg Zinn

Vom Kapitalismus ohne Wachstum zur Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Hamburg: VSA 2015; 157 S.; 16,80 €; ISBN 978-3-89965-651-0
„Seit über 30 Jahren bestimmt der Neoliberalismus die wirtschaftspolitische Orientierung der Regierungen in den meisten der hoch entwickelten Volkswirtschaften.“ (137) Karl Georg Zinn, deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Sohn des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Georg‑August Zinn, unternimmt in seiner sprachlich wie analytisch bestechenden Studie den von Keynes wie von Schumpeter inspirierten Versuch, dem auf Selbstregulierung festgelegten Gegenwartskapitalismus die Vorzüge eines bürgerlichen Marktinterventionismus entgegenzuhalten. Denn: „Der Legitimationsverlust des ‚Systems’ schreitet voran.“ (10) Bankenrettung, Niedrigzinspolitik, anhaltende Wachstumsschwäche sowie nicht zuletzt die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich seien Indikatoren eines erodierenden, „neofeudalistischen“ (13) Gegenwartskapitalismus, was – in marxistischer Perspektive – immer auch als das Ende des Kapitalismus per se gedeutet werde. Zinn hingegen vertritt die Auffassung, dass nach dem Ende des Akkumulationskapitalismus nicht gleich notwendig das Ende aller Kapitalismen kommen müsse. „Die Epoche intensiven Wachstums“, so Zinn, „müsste, sollte und wird wahrscheinlich von einem Zeitalter der großen Neuverteilung des Weltreichtums abgelöst [werden].“ (85) Diese Neuverteilung stelle die Gegenwartsgesellschaften insbesondere vor die Herausforderung ihrer sozialverträglichen Gestaltung: „Ob mehr Sozialwohnungen oder mehr beheizte Swimmingpools gebaut werden“ (90 f.), mache für kapitalistisches Wachstum als solches keinen, wohl aber für dessen soziale Qualität einen signifikanten Unterschied. Jenseits der durchaus möglichen und derzeit, hinsichtlich ihres Eintretens, wahrscheinlichsten „neofeudalistischen Formation“ (86), also eines Kapitalismus ohne Wachstum, seien alternative Szenarien durchaus möglich, ohne gleich utopisch zu sein. Ein solches Szenario könnte – zumindest im Übergang – durch das „grüne Wachstum“ (98) getragen werden, das die Vorteil böte, nicht nur die Folgekosten von Umweltzerstörung und Ressourcenverbrauch zu verringern, sondern auch technische Innovationen zur Energieersparnis voranzutreiben. Würde eine auf grünem Wachstum gegründete Variante des Neofeudalismus zudem noch wohlfahrtsstaatlich abgefedert, wäre das ein allemal besseres Szenario als ein „brutaler Neofeudalismus mit scharfen Klassengrenzen und verhärteter Verteilungsungleichheit“ (108). Um derlei abzuwenden, sei es an der Zeit, so Zinn, die Rolle des Staates als aktiver, als intervenierender Player in Wirtschaftsdingen neu zu entwerfen. Dann, und nur dann würden die Zeiten für beheizte Swimmingpools und ihre Besitzer wohl schlechter.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.455.462.22.22 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Karl Georg Zinn: Vom Kapitalismus ohne Wachstum zur Marktwirtschaft ohne Kapitalismus Hamburg: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39573-vom-kapitalismus-ohne-wachstum-zur-marktwirtschaft-ohne-kapitalismus_48032, veröffentlicht am 31.03.2016. Buch-Nr.: 48032 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

Suchen...