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Die Krise des Republikanismus

Daniel Schulz

Die Krise des Republikanismus

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Schriftenreihe der Sektion Politische Theorie und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft 29); 306 S.; 56,- €; ISBN 978-3-8487-2380-5
Habilitationsschrift TU Dresden; Begutachtung: H. Vorländer, H. Münkler, E. Richter. – Modelle politischer Ordnung, die sich aus der breiten Tradition republikanischen Denkens speisen, scheinen in der aktuellen Debatte im Vergleich mit liberalen Positionen in der Defensive zu sein. Dies vor allem, weil die Folgen gesellschaftlicher Modernisierung in Gestalt von Individualisierung, kultureller Pluralisierung und Globalisierung immer weniger mit der republikanischen Idee eines politischen Gemeinwesens verträglich sind, das seine nationalstaatliche Einheit aus den sozialmoralischen Bindungen seiner Bürger_innen gewinnt. Gegenüber dieser gewiss vereinfachenden Lesart will Schulz zeigen, dass das republikanische Paradigma „vielmehr den politiktheoretischen Orientierungsrahmen [bildet], in dem die liberale Ordnung einst errichtet wurde und der zum Verständnis der mit dem Politischen verbundenen Sinn‑ und Geltungsansprüche auch heute noch relevant ist“ (262). Theoretisch beruht seine durchgehend überzeugende Studie auf einer hermeneutisch‑interpretativen Rekonstruktion republikanischer wie liberaler Positionen, die primär an den Überschneidungen der Perspektiven interessiert ist. Thematisch arbeitet Schulz zunächst die Leitdifferenz von Freiheit des Gemeinwesens versus Freiheit des Individuums heraus und rekapituliert aktuelle Theoriedebatten im Kontext des amerikanischen Kommunitarismus und der von Pocock und Skinner vertretenen Cambridge School. Weil republikanische Deutungsmuster tief in die politische Kultur Frankreichs eingebettet sind, bilden die dortigen Theoriedebatten – die Schulz in einen negativen und rekonstruktiven Republikanismus unterscheidet – einen besonderen Schwerpunkt der Studie. Während die Spielarten des postmodernen Dekonstruktivismus – Foucault, Bourdieu, Derrida – die negative Unbestimmtheit eines demokratischen Ordnungsbegriffs aufweisen, bemühen sich Vertreter der zweiten Position – Lefort, Gauchet, Rosanvallon – um eine Wiederaufnahme der republikanischen Tradition, die sich von allen Einheitsfiktionen verabschiedet hat. Entsprechende Kontroversen der demokratietheoretischen Diskussion in Deutschland werden an der unterschiedlichen Rezeption von Rousseau und Tocqueville behandelt. In den abschließenden Kapiteln geht es um republikanisch inspirierte Reformulierungen des Repräsentationskonzepts durch Manin und Urbinati sowie um ein Resümee der Argumente, denen zufolge das republikanische Paradigma als analytische Kontrastfolie erforderlich ist, „um die Probleme der ‚post‑demokratischen‘ Entwicklung besser zu erkennen, die [..] den klassischen liberalen Kategorien weitgehend verborgen bleiben“ (262).
Thomas Mirbach, Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.435.41 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Daniel Schulz: Die Krise des Republikanismus Baden-Baden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39569-die-krise-des-republikanismus_47838, veröffentlicht am 31.03.2016. Buch-Nr.: 47838 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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