Portal für Politikwissenschaft

Begrenzte Abhängigkeit

Stefan Scholl

Begrenzte Abhängigkeit. "Wirtschaft" und "Politik" im 20. Jahrhundert

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2015 (Historische Politikforschung 23); 444 S.; 56,- €; ISBN 978-3-593-50289-2
Diss. Bielefeld; Begutachtung: W. Steinmetz, J.‑O. Hesse. – Der heutige politisch‑soziale Sprachgebrauch kennt beinahe selbstverständlich die Unterscheidung zwischen einem „wirtschaftlichen“ und einem „politischen“ Bereich, wobei die Differenzierung zumeist im Dunklen bleibt. Stefan Scholl verfolgt die Frage nach dem Verhältnis von Ökonomie und Politik und geht dabei kenntnisreich den diskursiven „Trennungsgründen“ (so der ursprüngliche Titel der Dissertation) dieser Teilgebiete auf den Grund. Schnell wird deutlich, dass die unklare Grenzziehung zwischen Wirtschaft und Politik weder auf Zufällen noch auf einer Eigenart der Gegenstände basiert, sondern auf Interessen und sie begleitende Weltanschauungen zurückgeführt werden kann. „Die Forderung [...], daß die ‚Wirtschaft‘ Autonomie von Staatseingriffen genießen solle, verwandelt sich in die Vorstellung, daß die Wirtschaft als Sphäre der Gesellschaft [...] auch tatsächlich funktional völlig autonom sei“, hatte der Soziologe und Interdependenztheoretiker Norbert Elias in „Was ist Soziologie?“ bemerkt und nicht vergessen darauf hinzuweisen, dass diese Ideologie selbst in die Ideen von Marx hineinreicht und „mit umgekehrten Vorzeichen“ übernommen wurde. Einer solch skizzenhaften Betrachtung über das Verhältnis von Ökonomie und Politik als „Teil eines Deutungskampfes über die Grenzen des Politischen und des Ökonomischen“ (11) wird von Scholl ausführlich nachgegangen, indem er im 20. Jahrhundert hervorgebrachte Äußerungen zu dieser Beziehung zusammenträgt, ordnet und kommentiert. So wird den Leserinnen und Lesern das Arsenal der Argumentationsmuster dieser fortwährenden Auseinandersetzung in verschiedenen Herrschafts‑ und Gesellschaftsmodellen – vom 19. Jahrhundert (Kapitel 2) über die Weimarer Republik (Kapitel 3) und den Nationalsozialismus (Kapitel 4) bis in die 1970er‑Jahre (Kapitel 5) – vorgeführt. Obwohl die verwendeten Narrative variieren und wechselnde Frontverläufe im Verhältnis von Politik und Wirtschaft zu verzeichnen sind, stellt Scholl eine bemerkenswerte Kontinuität heraus: Aller Trennungsrhetorik zum Trotz verweisen alle Äußerungen auf die unhintergehbare Interdependenz von Wirtschaft und Politik. Vor diesem Hintergrund begeistert sich Scholl für poststrukturalistische Überlegungen (Derrida, Laclau, Mouffe) und deutet „das Politische als konstitutives Außen des Ökonomischen“ (365) und umgekehrt. Ihren markantesten Ausdruck findet diese Schlussfolgerung in einer „den gesamten Diskurs durchziehende[n] Tendenz, [...] den Staatsbegriff als positiven Bezugspunkt oberhalb der Abgrenzung von ‚Wirtschaft‘ und ‚Politik‘ zu installieren“ (361). Es bleibt dabei: Empörung und pauschale Schuldzuweisung helfen kaum weiter. Wer die Dissertation von Scholl liest, wird den argumentativen Streit nicht auflösen, wohl aber an Institutionen anbinden wollen.
Hendrik Claas Meyer, M. A., Politikwissenschaftler und Soziologe, Universität Bayreuth.
Rubrizierung: 2.32.3112.3122.3132.3155.3 Empfohlene Zitierweise: Hendrik Claas Meyer, Rezension zu: Stefan Scholl: Begrenzte Abhängigkeit. Frankfurt a. M./New York: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39553-begrenzte-abhaengigkeit_47072, veröffentlicht am 24.03.2016. Buch-Nr.: 47072 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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