Portal für Politikwissenschaft

Entnazifizierte Zone?

Museumsverband des Landes Brandenburg (Hrsg.)

Entnazifizierte Zone? Zum Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus in ostdeutschen Stadt- und Regionalmuseen

Bielefeld: transcript Verlag 2015 (Edition Museum 7); 242 S.; 29,99 €; ISBN 978-3-8376-2706-0
Neben der medialen bildet die museale Deutung von Vergangenheit wohl die wichtigste Grundlage für das Entstehen populärer Geschichtsbilder. In den Beiträgen des auf eine Potsdamer Tagung im Oktober 2013 zurückgehenden Sammelbandes wird vor diesem Hintergrund der Umgang mit der NS‑Geschichte vor allem in ostdeutschen Ausstellungshäusern und Gedenkstätten thematisiert. Dies betrifft sowohl die Museumslandschaft der DDR als auch aktuelle Ansätze. Für beide Fälle konstatieren Susanne Köstering und Christian Hirte in ihrem einleitenden Beitrag einen unzureichenden Umgang mit der Vergangenheit, erst aufgrund der ideologischen Vorgaben, dann durch die kaum kontextualisierte Umnutzung alter Exponate aus der DDR‑Zeit beziehungsweise den Rückzug auf formelhafte Darstellungen ohne individuelle Einbindung. Zugleich lassen sich „geschichtskulturell[e] Unterschiede“ (41) zwischen Ost und West herausarbeiten, wie Martin Sabrow konstatiert. So spielt der Krieg gegen die Sowjetunion in den Ländern der ehemaligen DDR eine größere Rolle, während in der alten Bundesrepublik das Holocaust‑Gedenken im Vordergrund steht – auch als politische Handlungsmaxime. Dabei gibt es durchaus wechselseitige Beeinflussungen, wie Insa Eschebach hinsichtlich der Erinnerungsarbeit in KZ‑Gedenkstätten feststellt. So hat sich der in den 1980er‑Jahren im Westen etablierende alltags‑ und lokalgeschichtliche Ansatz nach 1989/90 auch im Osten durchgesetzt. Diesen alltagsgeschichtlich orientierten Konzepten sind vier weitere Beiträge gewidmet, wobei der Ost‑West‑Vergleich immer wieder aufgegriffen wird. Mit vier Fallbeispielen aus Dresden, Potsdam, Rostock und Schwedt werden diese Überlegungen konkretisiert. Jens Wehner etwa untersucht die Ausstellungen des Dresdner Militärhistorischen Museums zum Zweiten Weltkrieg. Eine Reihe von Besucherkommentaren verweise dabei auf als defizitär empfundene Unterschiede zu früheren Ausstellungen des Hauses in der DDR‑Zeit und zeige eine „latente Affinität zum Militärischen“ (153), die in westdeutschen Museen so nicht nachweisbar sei. Abschließend befassen sich weitere vier Beiträge mit pädagogischen Fragen, besonders hinsichtlich der Auseinandersetzung mit neonazistischen und rechtsextremistischen Geschichtsbildern.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.352.3252.3142.315 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Museumsverband des Landes Brandenburg (Hrsg.): Entnazifizierte Zone? Bielefeld: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39532-entnazifizierte-zone_47549, veröffentlicht am 17.03.2016. Buch-Nr.: 47549 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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