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Deutsche Sicherheitspolitik zwischen "never alone" und "never again"

Imken Heitmann-Kroning

Deutsche Sicherheitspolitik zwischen "never alone" und "never again". Der Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan

Opladen u. a.: Verlag Barbara Budrich 2015 (International and Security Studies 1); 318 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-8474-0639-6
Diss. Münster; Begutachtung: S. B. Gareis, S. Feske. – Seit der Wiedervereinigung ist die Bundesrepublik an internationalen Militärmissionen im Ausland beteiligt. Imken Heitmann‑Kroning fragt nach deren außenpolitischen Kontexten und vertritt die These, dass sich die deutsche Sicherheitspolitik zwischen den von Hans Maull benannten Prinzipien „never alone“ und „never again“ bewegt. Diese beiden Leitlinien verwendet die Autorin als Kategorien für die Untersuchung des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan. Unter die Kategorie „never again“ fallen die Kultur der militärischen Zurückhaltung und der Entschluss, dass nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgehen darf. Demnach ist der „Einsatz von Militär lediglich unter sehr restriktiven Bedingungen“ möglich und als „ultima ratio“ (58) anzusehen. Die Begrifflichkeit „never alone“ steht für eine Absage an militärische Alleingänge. Dass diese beiden Prinzipien in Konflikt stehen und diese Tatsache „zu einem widersprüchlichen Rollenverhalten der deutschen Sicherheitspolitik im Afghanistan‑Einsatz beigetragen hat“ (247), lautet ein Ergebnis der Arbeit. Der „Zickzackkurs“ (14) zwischen den Grundsätzen hat nach Ansicht der Autorin im In‑ und Ausland zu Irritationen geführt. Phasen der praktizierten Bündnissolidarität („never alone“) wechselten sich mit Momenten der militärischen Zurückhaltung („never again“) ab. Zeitweilig sei gar ein „Rollenstress“ (113 ff.) zu beobachten gewesen, die politischen Entscheidungsträger hätten angesichts widersprüchlicher Erwartungen auf nationaler und internationaler Ebene zuweilen überfordert gewirkt. Bis 2009 sei eine Entscheidung zugunsten der Leitlinie „never alone“ zu beobachten, die Bundesregierung habe den Erwartungen ihrer Verbündeten nachgegeben und deren Forderungen nach einem verstärkten militärischen Engagement Deutschlands erfüllt. Der Einfluss des Grundsatzes „never again“ sei bei der Entscheidung 2006 gegen eine Entsendung deutscher Soldaten in den Süden Afghanistans deutlich geworden. Als ein Charakteristikum des Engagements bezeichnet Heitmann‑Kroning, dass deutsche Entscheidungsträger jahrelang versuchten, „am Bild eines ‚Stabilisierungseinsatzes‘ in Afghanistan festzuhalten, das analog zur eigenen Rolle eines hauptsächlich zivil agierenden und militärisch zurückhaltenden Akteurs passte“. Dass die Bundesrepublik mit der „‚Normalisierung‘“ ihrer Rolle im Bereich der Militäreinsätze „erhebliche Probleme hatte und das Bild einer friedfertigen, auf zivile Mittel beschränkten Nation weiterhin tief verankert war“ (249), ist eine Erkenntnis dieser Arbeit. Bei künftigen Einsätzen sollten die Realitäten im Einsatzgebiet vorher stärker überprüft und mehr Rücksicht auf lokale Gegebenheiten genommen werden. Auch sei es wichtig, die Details des Einsatzes offener und klarer zu kommunizieren sowie eine noch intensivere Zusammenarbeit zwischen zivilen und militärischen Akteuren zu erwirken.
Sabine Steppat, Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.212.672.682.613.62.324 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Imken Heitmann-Kroning: Deutsche Sicherheitspolitik zwischen "never alone" und "never again" Opladen u. a.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39507-deutsche-sicherheitspolitik-zwischen-never-alone-und-never-again_47426, veröffentlicht am 10.03.2016. Buch-Nr.: 47426 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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