Portal für Politikwissenschaft

Der Russland-Reflex

Irina Scherbakowa / Karl Schlögel

Der Russland-Reflex. Einsichten in eine Beziehungskrise

Hamburg: edition Körber-Stiftung 2015; 142 S.; geb., 17,- €; ISBN 978-3-89684-169-8
Die Kritik an den sogenannten Putinverstehern in den deutschen medialen Debatten zur Ukraine‑Krise erfolgt normativ vor allem aus einer liberalen Perspektive: Jene ignorierten die autoritären Tendenzen unter Vladimir Putin und übernähmen dessen Gleichsetzung des eigenen politischen Programms mit den Interessen einer als monolithisch aufgefassten russischen Gesellschaft. Den Dialog aber zwischen Deutschland und Russland auf einer zivilgesellschaftlichen Ebene jenseits politischer Auseinandersetzungen aufrechtzuerhalten, zählt zu den Zielen des Austausches zwischen der russischen Literaturwissenschaftlerin und Menschenrechtsaktivistin Irina Scherbakowa und dem deutschen Osteuropahistoriker Karl Schlögel. Dabei kommen besonders die eigenen Erfahrungen mit dem jeweils anderen Land zur Sprache. Das Buch bietet so sehr persönliche Einblicke in die deutsch‑russische Beziehungsgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. und im frühen 21. Jahrhundert. Angesichts der Ukraine‑Krise zeigen sich für diese Beziehungen einmal mehr große Herausforderungen. Scherbakowa betont dabei die Existenz eines anderen Russlands neben der offiziellen staatlichen Politik (siehe für Schlögel hier auch Buch‑Nr. 47711): die „alternative Kultur“ entwickelt sich für sie „mehr und mehr zum letzten Hüter der Meinungsfreiheit“ (135), erreiche jedoch nur kleine Teile der Bevölkerung. Die „Herstellung freier, ungehinderter Kommunikation“ (138) gehört auch für Schlögel zu den Voraussetzungen für einen fortgesetzten Austausch zwischen den Staaten, der in Russland zu einer Verbreitung liberaler Ideen führen könne. Die Unterstützung für die Politik Putins in Deutschland zeugt für ihn häufig von einem antiliberalen Impetus. Der „Putin‑Diskurs in Deutschland“ sei zudem von einem „tief verwurzelten Antiamerikanismus“ (108) geprägt, der Angehörige des äußeren linken wie rechten politischen Spektrums eine. Das Gespräch über Russland dient so auch einer Diagnose der deutschen Zustände, deren Ergebnisse man nicht teilen muss, die in jedem Fall aber relevante Erklärungsmuster für den gegenwärtigen Stand der beiderseitigen Beziehungen bietet.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.62 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Irina Scherbakowa / Karl Schlögel: Der Russland-Reflex. Hamburg: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39390-der-russland-reflex_47959, veröffentlicht am 11.02.2016. Buch-Nr.: 47959 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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