Portal für Politikwissenschaft

Solidarität

Marianne Kneuer / Carlo Masala (Hrsg.), unter Mitarbeit von Sebastian Enskat

Solidarität. Politikwissenschaftliche Zugänge zu einem vielschichtigen Begriff

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Zeitschrift für Politikwissenschaft. Sonderband 2014); 252 S.; 49,- €; ISBN 978-3-8487-0493-4
Orientiert man sich an konventionellen Unterscheidungen disziplinärer Zuständigkeiten innerhalb der Sozialwissenschaften, dann gehört der Begriff der Solidarität eher in den Bereich gesellschaftstheoretischer Ansätze der Soziologie, bezieht er sich doch spätestens seit Durkheim auf mentale und institutionelle Voraussetzungen des Zusammenhalts von Kollektiven oder der Gesellschaft insgesamt. Angesichts dieser Theorielage ist es zweifellos ambitioniert, wenn die Autoren der Beiträge dieses ZPol‑Sonderbandes einen Anstoß zur Entwicklung einer spezifisch politikwissenschaftlichen Perspektive auf das Phänomen Solidarität geben wollen. So konstatieren die Herausgeber, dass die Politikwissenschaft bisher kaum über systematische Zugänge zur Analyse dieses vieldeutigen „Querschnittskonzepts“ (8) verfüge. Ihr einleitender Versuch, politische von sozialer Solidarität auf der Gegenstandsebene zu unterscheiden, belegt die nach wie vor bestehenden begrifflichen Probleme – aussichtsreich erscheint dagegen die Überlegung, die politikwissenschaftliche Sicht auf die Verwendung von Solidarität zu beziehen: „In unserem [.] Verständnis umfasst politische Solidarität jegliche politisch organisierte [...] Solidarität, die auf politische Prozesse einwirkt und dadurch die Kohäsion innerhalb des Gemeinwesens stabilisiert“ (11). Damit rücken drei Fragestellungen in den Vordergrund: die Berufung auf Solidarität als Legitimationsquelle, die Funktionsweise und Grenzen von Solidarität als politischer Regelungsmechanismus sowie ihre Rolle im Kontext von Mehrebenenkonstellationen. Zunächst werden in drei Beiträgen auf nationaler Ebene eher konzeptionelle Fragen diskutiert: der französische, wesentlich von Durkheim und Bourgeois geprägte Solidarismus als Vorläufer einer postliberalen Sozialphilosophie (Hermann‑Josef Große Kracht), die Solidaritätspotenziale zivilgesellschaftlicher Akteure aus demokratietheoretischer Sicht (Nils Brockmann) und die solidarischen Umverteilungseffekte auf Mikro‑ und Makroebene im deutschen Sozialstaat (Peter Hampe). Fünf Beiträge befassen sich anschließend mit der Rolle von Solidarität in transnationalen Kontexten – am Beispiel der EU anhand gewerkschaftlicher Handlungsstrategien (Susanne Pernicka / Julia Hofmann) und der EU‑Außenbeziehungen (Siegfried Schieder) oder im Hinblick auf die Wirkungsweise und Grenzen von Solidaritätsmechanismen in der NATO (Sven Morgen) sowie im Rahmen internationaler Klimapolitik (Christoph Herrler).
Thomas Mirbach, Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.232.222.32.3424.454.213.63.1 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Marianne Kneuer / Carlo Masala (Hrsg.), unter Mitarbeit von Sebastian Enskat: Solidarität. Baden-Baden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39376-solidaritaet_47640, veröffentlicht am 11.02.2016. Buch-Nr.: 47640 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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