Portal für Politikwissenschaft

Wahlen und Wählerschaft in der Schweiz

Markus Freitag / Adrian Vatter (Hrsg.)

Wahlen und Wählerschaft in der Schweiz

Zürich: Neue Zürcher Zeitung 2015 (Politik und Gesellschaft in der Schweiz 3); 478 S.; 38,- €; ISBN 978-3-03810-098-0
Passend zum Wahljahr 2015 in der Schweiz präsentieren die Berner Politikwissenschaftler Markus Freitag und Adrian Vatter diesen umfassenden Sammelband zum Themenfeld Wahlen. Seit den 1990er‑Jahren hat die Wahlforschung in der Schweiz eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen, allerdings sind viele der hochspezialisierten Studien oft nur in englischer Sprache und in wissenschaftlichen Fachzeitschriften erschienen. Mit diesen 13 Beiträgen soll daher der Stand der Wissenschaft einem interessierten deutschsprachigen Publikum fundiert und zugleich allgemeinverständlich vermittelt werden. In einem Teil der Beiträge werden dabei Kontinuitäten in der Schweizer Wahlforschung untersucht, indem klassische Fragestellungen (etwa mit Blick auf Parteibindung, Wählerwanderungen, Parteienfinanzierung oder Nichtwählertum) auf dem aktuellen Forschungsstand erörtert werden. Ein anderer Teil der Beiträge thematisiert Innovationen in der Wahlforschung der vergangenen Jahre, wie zum Beispiel die beiden eher soziologisch akzentuierten Untersuchungen zu Persönlichkeitseigenschaften und zur Wahlbeteiligung sowie zur Parteibindung oder die Studien zu den beiden jungen bürgerlichen Mitte‑Parteien, der grünliberalen Partei GLP und der bürgerlich‑demokratischen BDP. Um das politische System der Schweiz in seinen Kernmechanismen besser zu verstehen, ist vor allem der einführende Beitrag von Vatter über das Wahlsystem und dessen Wirkungen auf die Wahlerfolge der Parteien überaus hilfreich. Stabilität und Wandel bei den traditionellen Parteien, speziell den Wandel der Sozialdemokraten „von der Unterschichtspartei zur Partei des gehobenen Mittelstandes“ (71), untersuchen Marc Bühlmann und Marlène Gerber. Reizvoll ist zudem die Studie zum Polarisierungsgrad des Parteiensystems im internationalen Vergleich, die Erklärungsansätze für den relativen Erfolg der national‑konservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) bietet. Die SVP profitiert insbesondere von den sich europaweit verändernden gesellschaftlichen Spaltungslinien (Cleavages), insofern seit den 1990er‑Jahren zu den ‚klassischen‘ vier kulturellen und wirtschaftlichen Spaltungslinien und dem alternativen Postmaterialismus‑Cleavage des 20. Jahrhunderts zusätzlich als sechste Spaltungslinie der sogenannte Öffnungs‑Schließungs‑Konflikt tritt. Diese gesellschaftliche Spaltungslinie ist vermutlich auch in der Schweiz eine Reaktion auf den Wegfall des Ost‑West‑Konflikts und die seitdem zunehmende wirtschaftliche Liberalisierung, Globalisierung und Denationalisierung. Der Sammelband bietet eine lohnende Lektüre für alle, die die eidgenössische Parteienlandschaft in der halbdirekten Demokratie sowie das politische System der Schweiz insgesamt besser verstehen wollen.
Burkard Steppacher, Prof. Dr., Konrad-Adenauer-Stiftung; Forschungsinstitut für Politische Wissenschaft und Europäische Fragen, Universität zu Köln (http://www.jeanmonnetchair.uni-koeln.de/27599.html).
Rubrizierung: 2.52.22 Empfohlene Zitierweise: Burkard Steppacher, Rezension zu: Markus Freitag / Adrian Vatter (Hrsg.): Wahlen und Wählerschaft in der Schweiz Zürich: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39287-wahlen-und-waehlerschaft-in-der-schweiz_47701, veröffentlicht am 21.01.2016. Buch-Nr.: 47701 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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