Portal für Politikwissenschaft

Ein Krieg der Oligarchen

Ulrich Heyden

Ein Krieg der Oligarchen. Das Tauziehen um die Ukraine

Köln: PapyRossa Verlag 2015 (Neue Kleine Bibliothek 207); 173 S.; 12,90 €; ISBN 978-3-89438-576-7
Als Korrespondent und Autor für verschiedene deutschsprachige Medien vornehmlich linker Provenienz berichtet Ulrich Heyden seit über 20 Jahren aus Russland. In seinem Beitrag zur Ukraine‑Krise verspricht er eine unvoreingenommene Betrachtung, in der „beide Seiten [des] Konfliktes anzuhören [sind]“ (8). Den Ausgangspunkt für die in der Hauptsache auf Augenzeugengesprächen beruhenden Ausführungen bildet der unaufgeklärte Brand im Gewerkschaftshaus in Odessa vom 2. Mai 2014. Heyden sieht hier den sogenannten Rechten Sektor in der Verantwortung, dem er überhaupt eine maßgebliche Rolle bei den Protesten des Euromaidan zuschreibt. An vielen Stellen bedient er dabei das auch von staatlicher russischer Seite verwendete Narrativ einer faschistischen und nationalistischen Bewegung. Der nicht zu leugnende Einfluss entsprechender Gruppierungen wird dabei weit übertrieben, andere Antriebsmomente für die Proteste gegen die Regierung von Wiktor Janukowytsch werden weitgehend ignoriert und nur an einer Stelle kurz aufgeführt. Die vielfach zu beobachtenden Tendenzen der Herausbildung einer sprachgruppenübergreifenden ukrainischen Identität bestreitet Heyden: das Land sei ein „Produkt sowjetischer Politik“ (37) ohne gemeinsame Bezüge der einzelnen Teilregionen. Den Vereinigten Staaten und auch Deutschland weist der Autor eine hohe Mitverantwortung für die Eskalation der Situation zu. Neben politischen würden dabei vor allem wirtschaftliche Interessen bedient. Die wenigen Augenzeugenzitate, die Heydens Thesen zu widersprechen scheinen, wirken eher alibihaft eingebunden, um die eingangs behauptete Unvoreingenommenheit zu belegen. Zur Klärung der offenen Fragen um die Ereignisse in Odessa und auch der breit behandelten Ermordung von Protestierenden in Kiew durch Scharfschützen im Februar 2014 kann der Autor so leider kaum etwas beitragen. Und auch der wichtigen Frage nach dem Einfluss der Oligarchen auf die ukrainische Politik und Gesellschaft widmet sich Heyden an weniger als zehn Stellen. Der Inhalt des Buches hat über weite Passagen wenig bis nichts mit seinem Haupttitel zu tun. Der Beitrag des Autors zur Ukraine‑Krise erweist sich so in mehrfacher Hinsicht als ein Etikettenschwindel.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.612.252.62 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Ulrich Heyden: Ein Krieg der Oligarchen. Köln: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39249-ein-krieg-der-oligarchen_47171, veröffentlicht am 14.01.2016. Buch-Nr.: 47171 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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