Portal für Politikwissenschaft

Der Umgang der Polizei mit migrantischen Opfern

Hans-Joachim Asmus / Thomas Enke

Der Umgang der Polizei mit migrantischen Opfern. Eine qualitative Untersuchung

Wiesbaden: Springer VS 2016; IX, 221 S.; 39,99 €; ISBN 978-3-658-10439-9
Die empirische Studie entstand im Auftrag des Innenministeriums von Sachsen‑Anhalt; beide Autoren sind als Hochschullehrer für Sozialwissenschaft an der dortigen Polizeihochschule tätig und daher mit der „Cop Culture“ (Rafael Behr, siehe Buch‑Nr. 14511) aus der Binnenperspektive vertraut. Befragt wurden Migranten, Betreuer und Opferberater sowie Polizisten auf allen Hierarchieebenen. Vorab liefern Hans‑Joachim Asmus und Thomas Enke eine Einführung, die sich auch losgelöst hiervon gut als kurzer Überblick zum Thema „Polizei und Fremde“ einschließlich Forschungsstand nutzen lässt. Hervorzuheben ist, dass gerade nicht der „institutionelle Rassismus“ untersucht wird, weil es sich um „keine organisationssoziologische Studie“ (35) handelt. Unter dieser ausdrücklichen Einschränkung halten Asmus und Enke als zentrales Ergebnis den „soziale[n] Reproduktionsmechanismus“ der „‚Polizistenkultur’“ für die Art des Umgangs mit migrantischen Opfern für ursächlich. Diese Polizistenkultur stehe in einem „Spannungsfeld zur [offiziellen] Kultur der Institution Polizei“ (154). Hierbei lernten „Polizisten von Polizisten [...] ‚zwischen Kollegen als vertrauenswürdigen Insidern und prinzipiell zu misstrauenden Outsidern‘ zu unterscheiden, wozu Nicht‑Polizisten aber auch Polizisten höherer Hierarchieebenen zählen“ (154). Gegenüber Migranten verschärfe sich das bis zur Diskriminierung, weil durch „formale Überdehnung des Objektivitäts‑ und Neutralitätsprinzips von Einsatz‑ und Ermittlungsregeln [...die] Kulturdifferenzen verdeckt und das eigene unsensible Handeln gegenüber Migranten als fremde und Konflikt verursachende Gruppe legitimiert [werden]“ (157). Angesichts der auch vom Bundestag im NSU‑Ausschuss festgestellten mangelhaften Kritik‑/Fehlerkultur und speziell dadurch, dass Fortbildungen bei der Polizei als oft bloß moralisierend‑belehrende „‚Beschulungen‘“ (156) von der Basis eher abgewehrt würden, ergebe sich auch bisher kein systemisch wirksamer Lerneffekt. Solche Studien sind nach wie vor selten, vor allem wenn intern Interviews gemacht werden (dürfen). Bisher erfolgen sie – man denke an die der Polizeiführungsakademie zur Fremdenfeindlichkeit von 1996 – nur in Reaktion auf schwere Polizei‑Skandale, wie auch hier im Anschluss an das parteiübergreifend festgestellte massive Versagen der Sicherheitsbehörden und die Kritik an der Polizei im Umgang mit den Opfern im Besonderen. Es bleibt daher zu wünschen, dass diese solide Studie nicht als Eintagsfliege für ein politisches Alibi instrumentalisiert, sondern dass generell ein wissenschaftsfreundliches Klima in der Polizei geschaffen wird, das eine kontinuierliche (!) Polizeiforschung gerade zu den unliebsamen Themen fördert.
Robert Chr. van Ooyen, Dr., RD, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Hochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 2.3252.3432.35 Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Hans-Joachim Asmus / Thomas Enke: Der Umgang der Polizei mit migrantischen Opfern. Wiesbaden: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39243-der-umgang-der-polizei-mit-migrantischen-opfern_47935, veröffentlicht am 07.01.2016. Buch-Nr.: 47935 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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