Portal für Politikwissenschaft

Minderheitenschutz in Ungarn und der Türkei

Arndt Künnecke

Minderheitenschutz in Ungarn und der Türkei. Eine vergleichende Studie zum Umgang mit Trianon-Trauma und Sèvres-Syndrom

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2015; XXV, 319 S.; 69,95 €; ISBN 978-3-631-66859-7
Das Ende des Ersten Weltkrieges veränderte die politische Landkarte nachhaltig. Einstige Vielvölkerstaaten, die das Konzert der europäischen Großmächte mitbestimmt hatten, transformierten sich zu modernen Nationalstaaten. Dies betraf insbesondere die Doppelmonarchie Österreich‑Ungarn und das Osmanische Reich. Ihre Schicksale dienen Arndt Künnecke als historischer Ausgangspunkt seiner Vergleichsstudie: Mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung und der Etablierung eines internationalen Minderheitenschutzes durch die Alliierten ergab sich ein kritisches Moment für die Entwicklungspfade des heutigen Ungarn und der Türkei. Da die Friedensverträge von 1920 teils erhebliche Territorial‑ und Bevölkerungsverluste zur Folge hatten, verblasste mit ihnen der imperiale Stolz. Mit dem ungarischen Trianon‑Trauma und dem türkischen Sèvres‑Syndrom werden diese tiefen nationalen Verletzungen umschrieben. Im Kontext des neuen Standards des internationalen Minderheitenschutzes musste das Verhältnis zu den Minderheiten neu bestimmt werden. Trotz des historisch so ähnlichen Ausgangspunkts weist Künnecke in seiner Studie nach, dass zwischen beiden Ländern erhebliche Unterschiede im Umgang mit Minderheiten bestehen, was sich an bestimmten Kriterien nachvollziehbar lasse. „Entsprechend ihres Verständnisses von Staat und Nation definieren Ungarn und die Türkei den Begriff Minderheit […] grundlegend anders“ (270). Außerdem hätten in Ungarn „Minderheitenrechte und Minderheitenschutz im Gegensatz zur Türkei Verfassungsrang“ (272) und die rechtliche Theorie und Praxis stehe deutlich weniger in Widerspruch zueinander als in der Türkei, schreibt der Autor. Die Stärke der Studie liegt weniger in ihrer theoretischen beziehungsweise analytischen Originalität, sieht man von der Auswahl der Fallbeispiele ab, als vielmehr in der strukturierten Darstellung. Künnecke legt eine Vergleichsstudie mit guter Systematik vor, die sich durchaus zu einem Referenzwerk in der Minderheitenforschung entwickeln könnte.
René Neumann, M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.422.232.214.12.612.63 Empfohlene Zitierweise: René Neumann, Rezension zu: Arndt Künnecke: Minderheitenschutz in Ungarn und der Türkei. Frankfurt a. M. u. a.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39216-minderheitenschutz-in-ungarn-und-der-tuerkei_47939, veröffentlicht am 17.12.2015. Buch-Nr.: 47939 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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