Portal für Politikwissenschaft

Untote leben länger

Philip Mirowski

Untote leben länger. Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist. Aus dem amerikanischen Englisch von Felix Kurz

Berlin: Matthes & Seitz 2015; 353 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-95757-087-1
Wer sich immer noch wundert, wie schnell aus der Finanzkrise 2007 eine Staatsschuldenkrise werden konnte, findet in diesem Buch reichlich, in Teilen erschreckende Erklärungsangebote. Diese Form der Schuldumkehr sei nur eine der zahlreichen Strategien aus dem Arsenal des neoliberalen Denkkollektivs, das Philip Mirowski – ähnlich der russischen Matrjoschka – als eine Bewegung charakterisiert, deren Kern die Mont Pelerin Society darstellt, die von Hüllen loyaler Anhänger in Institutionen, Universitäten, Politik, Kultur etc. umschlossen wird. Der Gruselfaktor stellt sich ein, sobald dem Leser gewahr wird, dass diejenigen Vertreter einer neoklassischen Auffassung von Ökonomie, denen die Bürger die Krise (mit‑)ursächlich verdankten, für einen kurzen, hellsichtigen Augenblick zwar für tot erklärt wurden, hernach aber umso leuchtender wiederauferstanden. Die Wiederkehr der „Untoten“ (Titel) ist in vollem Gange. Mirowski macht hierfür unter anderem folgende Gründe aus: Ähnlich wie Sekten leiden Neoliberale unter kognitiver Dissonanz. Sie hätten es zudem verstanden, sich die neoklassische Wirtschaftswissenschaft vollends zu unterwerfen. Und letztlich habe es die interessierte Öffentlichkeit nicht vermocht, die Mehrgleisigkeit neoliberaler Argumentationsstränge zu erkennen, mit deren Hilfe jeglicher Kritik der Wind aus den Segeln genommen werden kann. An erster Stelle stand die Leugnung des Zusammenbruchs ökonomischer Wahrheiten, an zweiter die Schuldumkehr, indem Gewinne privatisiert, Schulden sozialisiert wurden, und an letzter Stelle die Etablierung neuer Finanzinnovationen. Aus diesem Grunde heißt das Buch im englischen Original: „Never let a serious crisis go to waste“. Das Buch lebt gleichermaßen durch seine Einsichten in teils korrupte Verbindungen zwischen Ökonomenzunft, Finanzindustrie und staatlichen Aufsichtsbehörden sowie durch seinen Witz und der vor keinerlei – nicht zuletzt durch die Krise infrage gestellten – Autorität zurückweichenden Polemik. Schade eigentlich nur, dass dieser wichtige Text erst zwei Jahre nach seinem Erscheinen auf Deutsch vorliegt.
Patrick Stellbrink, M. A., Politikwissenschaftler, Promovend an der TU Chemnitz.
Rubrizierung: 5.435.454.432.22.22 Empfohlene Zitierweise: Patrick Stellbrink, Rezension zu: Philip Mirowski: Untote leben länger. Berlin: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39198-untote-leben-laenger_47399, veröffentlicht am 17.12.2015. Buch-Nr.: 47399 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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