Portal für Politikwissenschaft

Die Stalin-Note

Gerhard Wettig

Die Stalin-Note. Historische Kontroverse im Spiegel der Quellen

Berlin: be.bra verlag 2015 (Diktatur und Demokratie im 20. Jahrhundert 1); 210 S.; 26,00 €; ISBN 978-3-95410-037-8
Die Deutung der Stalin‑Note von 1952 gehört in der Geschichtswissenschaft zu den umstrittenen Themen der deutsch‑deutschen Nachkriegsgeschichte. Auch die zumindest teilweise Öffnung russischer Archive nach 1991 hat nicht zu einer Konsensfindung beigetragen (siehe Buch‑Nr. 19369). Besonders der Essener Historiker Wilfried Loth ist dezidiert für eine Interpretation eingetreten, nach der das Angebot Stalins einer deutschen Vereinigung mit anschließender Neutralität ernst gemeint war (siehe Buch‑Nr. 32397). An den entsprechenden Debatten beteiligte sich auch Gerhard Wettig, langjähriger Leiter des Forschungsbereichs Außen‑ und Sicherheitspolitik am ehemaligen Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien Köln. Er nahm wiederholt eine Gegenposition zu Loth ein (siehe etwa Buch‑Nr. 11604). Beide Analysen fußten häufig auf denselben Quellenbeständen, kamen aber zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Auf der Basis der sowjetischen Aktenüberlieferung unternimmt Wettig nun den Versuch einer umfassenden Einordnung. Dazu referiert er einleitend die widerstreitenden Forschungspositionen, unternimmt anschließend eine ausführliche Darlegung des historischen Kontextes anhand der von ihm konsultierten Quellen und überprüft auf dieser Grundlage schließlich die existierenden Deutungsangebote. Die von Loth und anderen vertretene sogenannte Angebotsthese bezeichnet er als „unhaltbar“ (167), eine sowjetische Bereitschaft zum Aufgeben der DDR habe es nicht gegeben. Stattdessen präferiert er die auch vom langjährigen Mitarbeiter am Münchener Institut für Zeitgeschichte Hermann Graml vorgegebene Deutung, wonach die Stalin‑Note als ein Täuschungsmanöver einzuordnen ist: „Der Täuschungsgehalt der sowjetischen Terminologie, die eine scheinbare Übereinstimmung der Moskauer Politik mit westlichen Erwartungen herstellte, erlaubte es dem Kreml, mit diesen Vorschlägen Propaganda zu machen.“ (187) Der Autor breitet dies schlüssig aus – Ähnliches lässt sich, bei anderen Ergebnissen, aber auch von vielen Überlegungen Loths sagen. Und so vermisst man, wie mit Blick auf ein anderes Buch von Wettig in diesem Umfeld bereits der Fachbereichsleiter der Bundeszentrale für politische Bildung Hans‑Georg Golz konstatierte, neben so mancher Schwarz‑Weiß‑Darstellung die verschiedenen Grautöne, aus denen Geschichte hauptsächlich besteht.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 4.12.3132.3142.624.22 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Gerhard Wettig: Die Stalin-Note. Berlin: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39194-die-stalin-note_47081, veröffentlicht am 17.12.2015. Buch-Nr.: 47081 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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