Portal für Politikwissenschaft

Antisemitismus im deutschen Mediendiskurs

Lukas Betzler / Manuel Glittenberg

Antisemitismus im deutschen Mediendiskurs. Eine Analyse des Falls Jakob Augstein

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Interdisziplinäre Antisemitismusforschung 5); 318 S. ; brosch., 59,- €; ISBN 978-3-8487-1672-2
Eine trübe Erkenntnis aus dieser überaus akribischen und sehr erhellenden Analyse ist, dass weder Journalisten, die für Qualitätsmedien arbeiten, noch renommierte Wissenschaftler davor gefeit sind, reflexhaft zu reagieren, um einen der (vermeintlich) Ihren in Schutz zu nehmen. Denn wie der in diesem Band dargestellte Diskurs verlaufen wäre, wenn mit diesen Texten statt Jakob Augstein ein bekannter Rechtsausleger (wie zwei Jahr zuvor Thilo Sarrazin) in den „Top Ten Anti‑Semitic/Anti‑Israel Slurs“, in der weltweiten Sammlung von antisemitischen Zitaten, gelandet wäre, darf vermutet werden – man hätte sich bestätigt gesehen. Aber bei der Namensnennung des bekannten Publizisten und Verfassers der Spiegel‑Kolumne „Im Zweifel links“ konnte es sich ja nur, so der Tenor in Augsteins eigenen Repliken und den Äußerungen seiner Verteidiger, um einen Irrtum des Simon Wiesenthal Centers handeln, das wohl Kritik an Israel mit Antisemitismus verwechsele. Lukas Betzler, Philologe und Soziologe, und der Politikwissenschaftler Manuel Glittenberg haben ihre Untersuchung des gesamten Komplexes klar strukturiert: Zunächst erläutern sie, wie der moderne Antisemitismus theoretisch zu fassen ist, das Kapitel reflektiert seine moderne, sekundäre und antiisraelische Ausformung – deutlich wird, dass der Antisemitismus nach 1945 nicht aus der deutschen Gesellschaft verschwunden ist, sondern neue Formen der Artikulation gefunden hat. In der Analyse der vom Wiesenthal Center genannten und weiterer Textpassagen aus Augsteins Kolumnen zeigt sich dann tatsächlich ein unverhohlener Antisemitismus, bei dem „der Jude“ durch Israel ersetzt wird, ansonsten sind alle gängigen Stereotype, wie etwa die angebliche jüdische Weltverschwörung, herauszulesen. Die anschließende Diskursanalyse der Debatte verfestigt diese Einordnung, wobei deutlich wird, dass viele Verteidiger Augsteins sich überhaupt nicht mit dessen Texten auseinandersetzten, sondern pauschal für ihn sprachen. Betzler und Glittenberg sind dabei in ihren Nachweisen äußerst genau. Der weiteren Erkenntnis dient zudem, dass sie die Verkopplung von Antisemitismus und Antiamerikanismus in Augsteins Texten herausarbeiten. Ihr Fazit zum Gehalt von dessen Kolumnen fällt schließlich eindeutig aus: „Diese Versuche, Komplexität zu reduzieren und Widersprüche zu beseitigen, führen zur Aufhebung eines jeglichen gesellschaftskritischen Impulses: Antiamerikanische und antisemitische Welterklärungen sind das Gegenteil von Reflexion und Differenzierung.“ (289)
Natalie Wohlleben, Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.352.333 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Lukas Betzler / Manuel Glittenberg : Antisemitismus im deutschen Mediendiskurs. Baden-Baden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39148-antisemitismus-im-deutschen-mediendiskurs_47348, veröffentlicht am 03.12.2015. Buch-Nr.: 47348 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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