Portal für Politikwissenschaft

Familien am Rande der Erwerbsgesellschaft

Thomas Bahle / Bernhard Ebbinghaus / Claudia Göbel

Familien am Rande der Erwerbsgesellschaft. Erwerbsrisiken und soziale Sicherung familiärer Risikogruppen im europäischen Vergleich

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung 177); 252 S. ; kart., 18,90 €; ISBN 978-3-8487-2615-8
Werden Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit nicht der Individuen, sondern der Familien betrachtet, zeigt sich ein Kernkriterium, das in diesem Buch empirisch und ländervergleichend analysiert wird: Soziale Ungleichheit wird strukturell reproduziert, also weitervererbt. Dabei führen in Wohlfahrtsstaaten unterschiedliche Politiken der sozialen Sicherung zu unterschiedlichen Auswirkungen der Risiken von Armut. Wie in dieser Studie berücksichtigt wird, geht es nicht nur um ökonomische Kategorien, sondern auch um die Frage der sozialen Teilhabe. Zudem werden mit der Analyse von Familien auch Aspekte der Familien‑ und Bildungspolitik einbezogen, um die Risikostrukturen aufzudecken. Aus diesen Gründen werden Dänemark, Deutschland, Frankreich, die Niederlande und das Vereinigte Königreich hinsichtlich der Erwerbsbeteiligung (Stufe 1: Integration in Beschäftigung), des Erwerbseinkommens (Stufe 2: Unterstützung für Geringverdiener) und des Familieneinkommens (Stufe 3: Armutsvermeidung durch Transfers/Sozialleistungen) vergleichend mithilfe von EU‑SILC Daten (Eurostat) untersucht. Dänemark und die Niederlande schneiden hinsichtlich aller drei Stufen aufgrund ausreichender Verfügbarkeit und niedriger Kosten der Kinderbetreuung (Stufe 1), solidarischer Lohnpolitik und hoher Tarifdichte beziehungsweise des gesetzlichen Mindestlohns (Stufe 2) sowie höherer, zeitlich längerer und zielgerichteter Leistungsumfänge (Stufe 3) sehr gut ab. Zu mittelmäßigen Ergebnissen kommen Frankreich und das Vereinigte Königreich. Nur Deutschland attestieren die Autoren „besonders große Defizite“ (217), was zu einer Kumulation von sozialen Risiken führe. Aufgrund mangelnder Kinderbetreuung schlage auch die Aktivierungspolitik fehl – Familie und Beruf blieben schlecht vereinbar. Insbesondere die extrem hohe Armutsquote alleinerziehender Mütter in Teilzeit, kombiniert mit einem zu niedrigen Mindestlohn in einigen Branchen und einer exkludierenden Familienpolitik, führe zu den schlechten Ergebnissen. Die nichtbeschäftigte Risikogruppe ist im europäischen Vergleich ebenfalls deutlich stärker armutsgefährdet. Auch wenn die Autoren an diesen genannten Aspekten Verbesserungen im deutschen Sozialsystem festmachen wollen, ist die Kernforderung, Elemente des niederländischen und dänischen Modells zu übernehmen, zu einfach. Der Hinweis, dass Ereignisse wie Geburt oder Scheidung zunehmend die Gefahr des sozialen Abstiegs auch für die Mitte der Gesellschaft erhöhen, ist jedoch zentral und verlangt ein sozialpolitisches Umdenken.
Christian Heuser, B.A., Student der Soziologie, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Universität Bonn.
Rubrizierung: 2.612.2622.2632.3422.343 Empfohlene Zitierweise: Christian Heuser, Rezension zu: Thomas Bahle / Bernhard Ebbinghaus / Claudia Göbel : Familien am Rande der Erwerbsgesellschaft. Baden-Baden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39133-familien-am-rande-der-erwerbsgesellschaft_47696, veröffentlicht am 26.11.2015. Buch-Nr.: 47696 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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