Portal für Politikwissenschaft

Die schleichende Revolution

Wendy Brown

Die schleichende Revolution. Wie der Neoliberalismus die Demokratie zerstört. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2015; 333 S.; 29,95 €; ISBN 978-3-518-58681-5
Im Rückblick auf die Finanzkrise 2007/2008 und deren Folgeerscheinungen hat sich in der Öffentlichkeit das Bild verfestigt, der Neoliberalismus habe zu deregulierten Märkten geführt und hierdurch die Krise verursacht. Umgekehrt müssten diese folglich lediglich rereguliert werden, womit die Gefahr gebannt und die Rückkehr zum Zeitalter des Goldenen Kapitalismus möglich sei. Wendy Brown setzt diesem Bild, das auch innerhalb der politischen Linken weit verbreitet ist, unter Rückgriff und Weiterentwicklung von Michel Foucaults „Geschichte der Gouvernementalität“ das eines Neoliberalismus als einer normativen Ordnung der Vernunft entgegen: Nicht nur alle gesellschaftlichen Bereiche werden von den Grundsätzen dieser Regierungsrationalität erfasst, sondern die Veränderung ist viel tiefgreifender: Sie formt Subjekte, Praktiken und Institutionen nachhaltig um. Freilich, und an diesem Punkt geht Brown über Foucault hinaus und kehrt zu Marx zurück, impliziert der Kapitalismus eine Herrschaftsform. Dies kann nicht ohne Auswirkungen auf die Prinzipien, Praktiken und Begriffe demokratischer Herrschaft – seien es Recht, Volkssouveränität, Deliberation oder Partizipation – bleiben. Die zentrale These Browns lautet daher: Der Neoliberalismus verwandelt den politischen Charakter demokratischer Gesellschaften in einen ökonomischen, dabei ist die Demokratie den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts ebenso entgegengesetzt wie den Steuerungs‑ und Managementtechniken des 21. Jahrhunderts. Denn trotz seiner Unzulänglichkeiten enthält der auf Gleichheit und Freiheit basierende liberaldemokratische Staat laut Brown immerzu radikaldemokratische Ideale, um sich selbst zu erneuern. Ein demokratischer Staat, dessen Wesen dasjenige eines Managers der eigenen Nation und dessen alleiniges Ziel das Wirtschaftswachstum ist, ersetzt nicht nur den Homo politicus durch den Homo oeconomicus, sondern höhlt letztlich die Ideale und die Substanz demokratischer Staatsbürgerschaft und Volkssouveränität aus, an deren Stelle „ein Marktansatz von Gewinnern und Verlieren“ (45) tritt.
Patrick Stellbrink, M. A., Politikwissenschaftler, Promovend an der TU Chemnitz.
Rubrizierung: 2.22.225.415.425.46 Empfohlene Zitierweise: Patrick Stellbrink, Rezension zu: Wendy Brown: Die schleichende Revolution. Frankfurt a. M.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39085-die-schleichende-revolution_47756, veröffentlicht am 12.11.2015. Buch-Nr.: 47756 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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