Portal für Politikwissenschaft

Legitimität

Maria Dammayr / Doris Grass / Barbara Rothmüller (Hrsg.)

Legitimität. Gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Bruchlinien der Rechtfertigung

Bielefeld: transcript Verlag 2015 (Sozialtheorie); 362 S.; kart., 29,99 €; ISBN 978-3-8376-3181-4
Der Begriff „Legitimität“ steht derzeit (erneut) im Zentrum sozial‑ und geisteswissenschaftlicher Diskussionen. Die Auseinandersetzung mit institutionalisierten Normen könne als theoretische Verschiebung betrachtet werden, schreiben Maria Dammayr, Doris Grass und Barbara Rothmüller, „weg von den objektiven und materiellen Bedingungen von Herrschaft und hin zum (kritischen und kritisierenden) Deuten und Handeln von Menschen“. Gleichzeitig müsse die „‚Wiederbelebung' der Legitimitätsforschung“ (7) auch vor dem Hintergrund einer Konjunktur des Krisenbegriffes gesehen werden – weshalb sie keineswegs zufällig erscheine. Die vielfältigen Krisendiagnosen seien zugleich als „Bruchlinien der Legitimation“ (9) von sozialen Ordnungen zu begreifen: Eingespielte Legitimationsmuster würden infrage gestellt, alternative Rechtfertigungsnarrative erstarkten, zugleich bildeten sich neue heraus. „Legitimität“ sei das Ergebnis eines Prozesses, in dem die Akzeptanz von Herrschaft, Ungleichheit oder Leistungsanforderungen unter Rückgriff auf normative Deutungsmuster vorübergehend hergestellt werde. Dabei seien Wissenschaftler_innen und Intellektuelle in Prozesse der Aufrechterhaltung und Veränderung von Legitimationskontexten verstrickt, womit sich die Frage nach Aufgabe und Möglichkeiten der Sozialwissenschaften stelle. Mit Blick auf die internationale Finanz‑ und Wirtschaftskrise seit 2008 kommen Sebastian Haunss et al. zu dem Ergebnis, dass es Kapitalismuskritiker_innen zwar gelungen ist, angesichts dieser „diskursive[n] Gelegenheit“ (89) die Legitimität der Marktökonomie infrage zu stellen, dies aber „noch nicht zu einer relevanten gesellschaftlichen Mobilisierung geführt“ (91) hat. Knut Tullius und Harald Wolf gelingt es in ihrem Beitrag, anhand von Gerechtigkeitsansprüchen und Kritik in „Arbeit und Betrieb“ auf die Gleichzeitigkeit von ungleichen Beschäftigungsstrukturen und eine Vielzahl von Beteiligungsansprüchen „‚von unten‘“ (285) zu verweisen. Die Beiträge von Tobias Peter, Marcus Emmerich und Ulrike Hormel illustrieren verschiedene Rechtfertigungen von Ungleichheiten im deutschen (Hoch‑)Schulsystem. Insgesamt haben die Herausgeberinnen einen thematisch breiten und erfreulich reflektierten Band zur „Rechtfertigung und Kritik von Herrschaft“ (22) in Krisenzeiten vorgelegt. Das Fehlen eines Abschnitts zur „Legitimität“ in den Internationalen Beziehungen sowie der Friedens‑ und Konfliktforschung ist angesichts der Vielzahl entsprechender Publikationen leicht zu verkraften (siehe jüngst Buch‑Nr. 45110, 47546).
Hendrik Simon, Dipl.-Pol. und M. A., Politikwissenschaftler und Historiker, wiss. Mitarbeiter bei Prof. Dr. Lothar Brock, Institut für Politikwissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt a. M.
Rubrizierung: 2.25.413.52.32.3332.42.3432.27 Empfohlene Zitierweise: Hendrik Simon, Rezension zu: Maria Dammayr / Doris Grass / Barbara Rothmüller (Hrsg.): Legitimität. Bielefeld: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39084-legitimitaet_47705, veröffentlicht am 12.11.2015. Buch-Nr.: 47705 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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