Portal für Politikwissenschaft

Macht in der Mitte

Herfried Münkler

Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa

Hamburg: edition Körber-Stiftung 2015; 203 S.; geb., 18,- €; ISBN 978-3-89684-165-0
„Wie kann Europa zusammengehalten werden, und welche Aufgabe kommt dabei Deutschland als der Macht in der Mitte zu?“ (7) Ausgehend von dieser Frage analysiert Herfried Münkler den heutigen Zustand der EU und ihre inneren Spannungen. Sein eigentliches Anliegen ist aber die Rolle Deutschlands in Europa. Als „Macht in der Mitte“ (so die titelgebende und von Gregor Schöllgen bereits 1992 formulierte zentrale Idee) obliege es Deutschland, so die These, für die Zukunft des europäischen Projekts als moderierende und ausgleichende Kraft aufzutreten, deren Politik mit „Weitsicht und Fingerspitzengefühl, mitunter auch Entschlossenheit, in der Regel aber große[r] Geduld und Gelassenheit“ (8) den Ausgleich konträrer Interessen ermögliche. Nicht durch die geografische Lage, sondern die politische Position, in der mehr Macht auch mehr Verantwortung bedeute, sei Deutschlands Situation mit der permanenten Aufgabe verbunden, eine innereuropäische Balance herzustellen, um – und hier sieht Münkler Europas zukünftige Rolle – die Funktion einer regionalen Macht in der Weltordnung des 21. Jahrhunderts zu übernehmen. In Münkler’scher Manier wird dazu weit ausgeholt, wenn zunächst politisch‑kulturelle Geografie, das Problem der Mittellage und die Frage der Grenzen Europas zur Sprache kommen, um dann die historischen Entwicklungslinien – der Autor beginnt hier tatsächlich bei den Reichsteilungen – nachzuzeichnen. Im heutigen Europa existiert nach Ansicht von Münkler ein „Politisierungsparadox“ (143) des Europaprojekts, das zu dessen Scheitern führen könnte: Kompromisse in Brüssel würden von traditionell kompromissbereiten Regierungen gegenüber ihren heimischen Öffentlichkeiten zunehmend als Durchsetzung nationaler Interessen verkauft werden müssen und so hielten sie andere Staaten von Kompromissen ab. Gelernt haben sollte Deutschland aus seiner Geschichte, dass es nicht um das Einnehmen einer hegemonialen Position, sondern einer Vermittlerrolle gehen müsse, die Nichthandeln und Enthaltungen mit Berufung auf eine deutsche Sonderrolle ausschließe. Die Ukraine‑Krise deute darauf hin, dass diese Lehre durchaus befolgt werde. Nicht nur habe man eine Eskalation unter Inkaufnahme eines eingefrorenen Konflikts mit begrenzten Handlungsspielräumen verhindert, Deutschland habe auch der von Russland ins Spiel gebrachten Versuchung widerstanden „die Ukraine‑Krise zur Entwicklung deutsch‑russischer Sonderbeziehungen über die Köpfe einiger Staaten Mitteleuropas hinweg zu nutzen“ (156). Zusammengenommen liefert Münkler einen wie gewohnt gut leserbaren Essay ab, der zahlreiche, bereits an anderer Stelle formulierte Ideen und Gedanken zu einem eingängigen Narrativ über Deutschlands Rolle in Europa verknüpft.
Christian Patz, M.A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Institut für Sozialwissenschaften, Fachbereich Politikwissenschaft, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
Rubrizierung: 4.213.13.6 Empfohlene Zitierweise: Christian Patz, Rezension zu: Herfried Münkler: Macht in der Mitte. Hamburg: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38946-macht-in-der-mitte_46949, veröffentlicht am 08.10.2015. Buch-Nr.: 46949 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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