Portal für Politikwissenschaft

Die großen Crashs 1929 und 2008

Barry Eichengreen

Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt

München: FinanzBuch Verlag GmbH 2015; 560 S.; hardc., 34,99 €; ISBN 978-3-89879-890-7
Wenn ein Buch von historischen Entwicklungslinien, „Parallelen“ (9) oder „Lektionen“ (7) aus der Vergangenheit handelt und zudem schon im Titel führt, dass sich Geschichte wiederholt, kann meist davon ausgegangen werden, dass es (besonders in Deutschland) höchst kritisch gelesen und rezipiert wird. In der Tat sind historische Analogien schwierig. Doch Barry Eichengreen, über sämtliche wirtschaftsideologischen Gräben hinweg anerkannter Analytiker der internationalen Wirtschaft, ist sich dieser Gefahr bewusst. So beschränken sich seine beeindruckenden analytischen Parallelen zwischen den großen Krisen 1929 und 2008 auf rein wirtschaftstheoretische Prozesse in den USA und Europa. Normative Wertungen hinsichtlich ökonomischer oder politischer Lösungsstrategien lassen sich ebenso wenig finden wie eine sogenannte Nachher‑ist‑man‑immer‑schlauer‑Attitüde. Einzig ein Skeptizismus gegenüber der Trägheit politischer Entscheidungsträger ist wahrzunehmen. Eichengreen sieht die Grundanalogie vielmehr in der Ironie, „dass gerade die erfolgreiche Abwendung eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs wie in den 1930er‑Jahren verhinderte, dass die Politiker für eine stärkere Erholung sorgen konnten“ (20). Mit Blick auf die EU wird dies laut Eichengreen besonders deutlich: Man tat nur das Nötigste, um die Währungsunion zusammenzuhalten. Diese Problematik drückt sich sowohl wirtschaftspolitisch im Ausbleiben antizyklischer Maßnahmen als auch finanzmarktpolitisch mit der Schaffung einer Aufsichtsbehörde statt einer Bankenunion aus. Beides zusammen führte zur Vernachlässigung von kurzfristig benötigten Nachfrage‑ beziehungsweise Wachstumsanreizen, die starke Volkswirtschaften wie Deutschland oder die USA hätten aufbringen können. Stattdessen wurde in der gesamten EU – statt nur in ausgewählten südeuropäischen Staaten – fast ausschließlich auf die Strategie der eher mittelfristig notwendigen Konsolidierung der Staatshaushalte gesetzt. Zudem werden aus rein politischen Gründen eine Schuldenrestrukturierung oder Euro‑Bonds ausgeschlossen, die jedoch für eine Währungsunion unbedingt dazugehören. Die Gefahr, auch für eine erneute Krise, sieht Eichengreen darin, dass durch die Verhinderung einer neuen großen Depression die Sparpolitik – symbolisiert durch die Männer in Schwarz – scheinbar der richtige Weg ist. Doch sie führt zu geringeren Investitionen, dem Ausbleiben der Ursachenbekämpfung sowie lebenswichtiger Reformen in Bildung und Forschung und legitimiert eine Politik, die zu großen sozialen Verwerfungen führt.
Christian Heuser, B.A., Student der Soziologie, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Universität Bonn.
Rubrizierung: 4.434.12.612.643.52.262 Empfohlene Zitierweise: Christian Heuser, Rezension zu: Barry Eichengreen: Die großen Crashs 1929 und 2008. München: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38904-die-grossen-crashs-1929-und-2008_47386, veröffentlicht am 24.09.2015. Buch-Nr.: 47386 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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