Portal für Politikwissenschaft

Feminismus in historischer Perspektive

Feminismus Seminar (Hrsg.)

Feminismus in historischer Perspektive. Eine Reaktualisierung

Bielefeld: transcript Verlag 2014 (Gender Studies); 414 S.; kart., 29,99 €; ISBN 978-3-8376-2604-9
Den Feminismus habe es nie gegeben und auch das „Lila‑Latzhosen‑Klischee“ (15) sei überholt. Stattdessen zeichne sich die feministische Bewegung durch eine Bandbreite an Gegenständen, Theorien und Personen aus, deren pluralistischen Charakter zu rekonstruieren Anliegen dieses Bandes sei. Dieser sei einer „Unzufriedenheit mit dominanten Erzählweisen einer Frauengeschichtsschreibung geschuldet“ (31), die das Konfliktive ebenso wie das Kontingente historischer Prozesse untergewichte. Das aus 23 Studierenden der Universität Köln bestehende Herausgeber_innenkollektiv begreift den Feminismus dabei nicht nur als Ausgangspunkt für die Entwicklung der Begriffe ‚Gender’ oder ‚queer’. Die Summe aller existierenden „Feminismen“ (20) – und hierbei insbesondere der Gender‑Begriff – sei vielmehr als eine „politische Praxis“ zu verstehen, wie Massimo Perinelli betont, deren Aufgabe primär in der Kritik bestehe: „Gender ist eben selber ein feministisches Konzept und wenn man in die Geschichte schaut, sieht man, dass das die Auseinandersetzungslinie innerhalb des Feminismus war [...]: Die einen, die auf Differenz setzten und das binäre Geschlechtersystem affirmierten, und jene, die auf Gleichheit setzten und damit [...] auf die Konstruiertheit von Geschlecht aufmerksam machten.“ (21) Die Beiträge sind in vier Sektionen eingeteilt, die wiederum verschiedene Aspekte der historischen Betrachtungsweise von Feminismus aufnehmen. Während in der ersten Sektion soziale Kategorien – race und Klasse – thematisiert werden, nehmen die Beiträge der zweiten Sektion ein spezifisches Bild von Weiblichkeit auf – allein lebende junge Frauen, wie etwa das deutsche ‚Fräulein’ der 1950er‑Jahre, das mit einem „hedonistischen und konsumorientierten Verhalten eigene Räume“ besetzt und damit gleichsam ein „Begehren nach Selbstbestimmung“ (41) artikuliert und realisiert habe. Die Beiträge der dritten Sektion widmen sich der historischen Phase der zweiten Frauenbewegung, die zum Ende der 1960er‑Jahre entstand und die als Geburtsstunde des Feminismus gilt. In der vierten Sektion geht es schließlich um „Repräsentationslogiken im Bereich der vornehmlich US‑amerikanischen Musik und Filmindustrie“ (42), in dem die Frau nach wie vor stark auf eine verfügbare, dem Mann untergeordnete sowie sexuell willige Figur reduziert wird. Gerade angesichts dieser medialen Vermittlung von Weiblichkeit bleibt in der Tat noch viel Raum und Anlass für Kritik.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.272.225.422.362.312.64 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Feminismus Seminar (Hrsg.): Feminismus in historischer Perspektive. Bielefeld: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38901-feminismus-in-historischer-perspektive_47377, veröffentlicht am 24.09.2015. Buch-Nr.: 47377 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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