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Kommunismus nach 1989

G. M. Tamás

Kommunismus nach 1989. Beiträge zu Klassentheorie, Realsozialismus, Osteuropa. Hrsg. und übersetzt von Gerold Wallner

Wien: Mandelbaum Verlag 2015 (kritik & utopie); 251 S. ; 19,90 €; ISBN 978-3-85476-641-4
Der Philosoph Gáspárd M. Tamás blickt auf eine lange eigene Geschichte der Dissidenz zurück – desillusioniert vom völligen Verfall der kommunistischen Bewegung seiner Elterngeneration schlägt er zuerst in Rumänien, später in Ungarn den Weg des liberalen Kritikers ein und erscheint konsequent auf den schwarzen Listen der Regime. Der Triumphalismus und die großen Erwartungen des liberalen Lagers nach 1989 schlagen aber dann auch für ihn schnell erneut in eine völlige politische Enttäuschung um. Das erzwungene „embourgeoisement“ (28) Osteuropas, also die künstliche Bildung einer Mittelklasse als politisches Allheilmittel, erwies sich seiner Ansicht nach als kaum verhohlene Halbkolonialisierung. Tamás bricht daraufhin mit seinem liberalen Weltbild, wendet sich dem Marxismus zu und entwickelt seine essayistische Theorie vom Ethno‑Anarchismus. Dieser fußt auf der Erkenntnis, dass die kommunistischen Staaten zumeist gerade erst die Bedingungen für eine kapitalistische Revolution geschaffen haben – und nicht etwa andersherum. „Die Kommunisten und die sowjetischen Systeme haben das ancien régime abgeschafft und nicht den Kapitalismus“ (239), schreibt Tamás. Für die Analyse der gegenwärtigen Situation in Osteuropa – insbesondere des aufkeimenden Faschismus – sei es daher zentral, der dortigen Abwesenheit einer echten bürgerlichen Gesellschaft Rechnung zu tragen. Diese Abwesenheit habe ihre Wurzeln unter anderem in dem „josephinischen Konstrukt“ (112) der Trennung von Politik und Kultur, das am folgenreichsten gerade nicht etwa vom Neoliberalismus, sondern zuerst von Sozialisten wie Otto Bauer und Rosa Luxemburg durchgesetzt worden sei. Die Sozialisten hätten die Illusion einer Universalität der Arbeiterklasse errichtet, indem sie die ungelösten ethnischen Differenzen einfach vom Politischen in den Bereich der Kultur verschoben. Dadurch konnte auf der politischen Ebene der Weg für einen Arbeiterstaat bereitet werden, so die weitere Argumentation, der sich selbst gemäß einer rousseauistischen Lesart der Marx‘schen Theorie als Gleichmacher‑Staat verstehen musste. Die Zerschlagung dieser Staaten 1989 führte so unweigerlich zu einer Explosion der durchweg bestehenden Konflikte, weil ein liberales, universales Staatsbürgertum sich nie etablieren konnte: „In einer Welt ohne Staatsbürger sind die Alternativen alle hässlich“ (121). Auf diese besondere Situation müsse sich die Theorie heute einstellen – denn „zum ersten Mal in der Geschichte der Linken gibt es eine marxistische Intelligenz ohne marxistische Bewegung“ (246). Auch die deutsche Linke kann an dieser Stelle viel von der Aufarbeitung dieser historisch besonderen Situation lernen – eine Situation, in die sie selbst mehr und mehr hineinrutscht.
Florian Geisler, B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 2.222.614.412.25.42 Empfohlene Zitierweise: Florian Geisler, Rezension zu: G. M. Tamás : Kommunismus nach 1989. Wien: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38856-kommunismus-nach-1989_47513, veröffentlicht am 10.09.2015. Buch-Nr.: 47513 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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