Portal für Politikwissenschaft

Die Inklusionslüge

Uwe Becker

Die Inklusionslüge. Behinderung im flexiblen Kapitalismus

Bielefeld: transcript Verlag 2015 (X-Texte); 207 S.; 19,99 €; ISBN 978-3-8376-3056-5
Der Begriff der Inklusion fand – nach anfänglichen Widerständen seitens der Bundesregierung – vor allem im Zuge der Umsetzung der UN‑Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen Eingang in den öffentlichen Sprachgebrauch. Uwe Beckers Buch lässt sich nun unter anderem als Streitschrift lesen – nicht gegen die Idee der Inklusion, sondern gegen den verbreiteten Missbrauch des Begriffes. Bereits in der Einleitung weist er, anknüpfend an Rudolf Stichweh, auf die Problematik der Exklusionsdebatte hin: die verbreitete Vorstellung eines ‚Drinnen‘ und ‚Draußen‘ setze die Gesellschaft in ihrem tatsächlichen Zustand als Idealbild voraus und schotte sich so „auf elegante Weise von der kritischen Wahrnehmung der in ihr produzierten Prozesse der Ausgrenzung ab“ (12). Am Beispiel der Inklusionsdebatte im Rahmen der Behindertenrechtskonvention wird dies besonders deutlich, obgleich die an dieser Stelle vorgenommenen Analysen allgemeineren Charakter haben. Die politischen Maßnahmen konzentrieren sich vor allem auf Strategien, die im Kontext der vorherrschenden fiskalischen und Aktivierungsdiskurse zu betrachten sind: So ermöglicht die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in das reguläre Schulsystem etwa die Schließung spezieller Förderschulen und damit finanzielle Einsparungen. Ähnliches gilt für das Einstampfen spezieller Fördermaßnahmen für Behinderte und deren Einbezug in die reguläre Arbeitsmarktpolitik. Bei all diesen Maßnahmen werden aber die dem Arbeitsmarkt und dem Bildungssystem inhärenten Ausgrenzungsmechanismen nicht nur nicht thematisiert; sondern es wird darüber hinaus verkannt (oder gar verschleiert), dass diese im Wesentlichen mitursächlich für die faktische Exklusion von Menschen mit Behinderungen sind und somit als Ganzes hinterfragt und reformiert werden müssten. Folglich verlangt Becker im abschließenden Kapitel „mindestens zwei kardinal[e] Korrekturen jener Gesellschaft, die so intensiv einlädt, in ihr mitzumachen“. Zum einen dürfe die „Präparation für und in den Arbeitsmarkt“ nicht länger zum „dominanten kritikresistenten Inklusionsparameter“ gemacht werden, „ohne die Auskunft von Menschen mit Behinderung über ihre Sichtweise eines gelingenden Lebens in gesellschaftlicher Einbindung abzufragen“ (172). Zum anderen müssten die sogenannten Sachzwänge einer vermeintlich alternativlosen Wirtschafts‑, Finanz‑ und Arbeitsmarktpolitik hinterfragt werden, welche – bei allen grundsätzlichen Treuebekenntnissen zur Umsetzung der Konvention seitens der Politik – „die Inklusionspraxis in ihre Schranken verweist“ (173).
Björn Wagner, Dipl.-Politologe, Dresden.
Rubrizierung: 2.3432.3312.2632.612.22 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Uwe Becker: Die Inklusionslüge. Bielefeld: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38855-die-inklusionsluege_47481, veröffentlicht am 10.09.2015. Buch-Nr.: 47481 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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