Portal für Politikwissenschaft

Inklusion durch politische Selbstvertretung?

Christiane Bausch

Inklusion durch politische Selbstvertretung? Die Repräsentationsleistung von Ausländer- und Integrations(bei)räten

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2014 (Studien zur Politischen Soziologie 30); 308 S.; 59,- €; ISBN 978-3-8487-1670-8
Diss. Trier; Begutachtung: W. Thaa, L. Raphael. – Die Selektivität in den Verfahren der politischen Partizipation ist empirisch gut belegt: Zahlreiche Studien zeigen, dass sozial Benachteiligte sowohl in der Wahlbeteiligung wie in Gremien unterrepräsentiert sind – und dies mit steigender Tendenz. Defizite kennzeichnen auch die politische Teilhabe von Migranten. Auf kommunaler Ebene gibt es mit Ausländer‑ beziehungsweise Integrationsbeiräten seit gut 40 Jahren Verfahren zur politischen Repräsentation von Zuwanderern. Vor diesem Hintergrund setzt sich Christiane Bausch theoretisch wie empirisch mit der Frage auseinander, ob die diesen Praktiken zugrunde liegende Logik, Migranten durch Migranten vertreten zu lassen, zu einer besseren Inklusion beiträgt. Aus politiktheoretischer Perspektive ist für sie das leitende Verständnis deskriptiver Repräsentation diskussionsbedürftig. In dieser Hinsicht rekonstruiert die Autorin sehr differenziert die einschlägige angloamerikanische Theoriedebatte (Iris M. Young, Melissa Williams, Suzanne Dovi, Jane Mansbridge, Anne Phillips) und ergänzt sie durch postkoloniale Theorieansätze. Dabei stellt sie als zentrale Probleme von Gruppenrepräsentation zum einen die Gefahr eines Essentialismus heraus, der die marginalisierte Position von Betroffenen kulturell festschreibt. Zum anderen bleibe die Frage offen, anhand welcher Kriterien die zu repräsentierenden Gruppen auszuwählen seien. Im empirischen Teil überprüft die Autorin die theoretisch gewonnenen Leitfragen anhand von vier Fallstudien – je zwei Ausländer‑ und Integrationsbeiräten – auf der Basis von Dokumentenanalysen und 28 qualitativen Interviews. Methodologisch orientiert sich Bausch an Standards der interpretativen Sozialforschung, wobei sie in Anlehnung an das Konzept der Grounded Theory in einer aufwändigen Auswertung der Interviews das Deutungswissen der Befragten herausarbeitet. Mit Blick auf die Ausgangsfrage fällt das Ergebnis ambivalent aus: Zwar tragen diese Gremien zur thematischen Erweiterung der Agenden bei, aber die Gruppenrepräsentation bestärkt tendenziell „ein identitätslogisch verkürztes Repräsentationsverständnis“ (282).
Thomas Mirbach, Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3432.3255.41 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Christiane Bausch: Inklusion durch politische Selbstvertretung? Baden-Baden: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38841-inklusion-durch-politische-selbstvertretung_46714, veröffentlicht am 10.09.2015. Buch-Nr.: 46714 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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