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Wirtschaft, Krise und Wahlverhalten

Heiko Giebler / Aiko Wagner (Hrsg.)

Wirtschaft, Krise und Wahlverhalten

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung 29); 399 S.; 72,- €; ISBN 978-3-8487-2108-5
„Die ökonomische Lage beeinflusst Wahlen und der Ausgang von Wahlen beeinflusst die Ökonomie“ (9), schreiben die Herausgeber Heiko Giebler und Aiko Wagner. Dennoch sei „eine allgemeingültige Festlegung der verschiedenen Elemente des ökonomischen Wahlmodells kaum möglich“ (28). Aus diesem Grund wird in insgesamt elf quantitativ ausgerichteten Beiträgen untersucht, welchen Einfluss der Zustand der Wirtschaftslage auf das Wahlverhalten deutscher Bürger_innen hat. Die meisten Aufsätze basieren auf aktuellen Daten der German Longitudinal Election Study (GLES) zur Bundestagswahl 2013. Tarik Abou‑Chadi stellt durch eine Analyse der Wahlprogramme zwischen 1994 und 2013 fest, dass die Parteien im Bundestagswahlkampf 2013 „Themen der europäischen Integration keineswegs stark betont haben, sondern es im Zuge der Krise eher vermieden, über die EU zu sprechen“ (93). Durch eine Kombination der GLES‑Daten zu Wahlabsicht und individueller Positionierung zur Europäischen Union belegt der Autor außerdem, dass eine individuelle Anti‑EU‑Haltung lediglich die Wahlwahrscheinlichkeit für Die Linke und die Alternative für Deutschland erhöht hat. Thomas Schübels Untersuchung offenbart, dass das politische Wissen – gemessen mit acht Fragen zum politischen System und zu Parteipositionierungen – „faktisch unbedeutend dafür zu sein scheint, wie stark der Regierung Verantwortung für ökonomische Entwicklungen zugeschrieben wird“ (187). Relevanter seien Faktoren wie Parteiidentifikation, Sachfragenorientierung und Kandidatenorientierung. Thorsten Faas und Jürgen Maier setzen an diesem Punkt an und untersuchen anhand von Vor‑ und Nachbefragungen, welche Folgen das TV‑Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück auf die Verantwortungszuschreibung für die wirtschaftliche Lage und das Wahlverhalten hatte. Lediglich für die Nachherbefragung stellen die Autoren einen Zusammenhang dieser Faktoren fest, was durchaus auf eine Beeinflussung der Meinung durch das TV‑Duell schließen lässt. Der allgemein gehaltene Titel des Bandes hätte vielleicht durch einen Untertitel ergänzt werden können, um deutlich zu machen, dass die Beiträge ausschließlich das Wahlverhalten während der noch immer andauernden Finanz‑ und Wirtschaftskrise behandeln. Insgesamt können die Autor_innen sicherlich für sich in Anspruch nehmen, eine der bislang besten quantitativen Analysen zum Verhältnis von Ökonomie und Wahlverhalten in Deutschland erstellt zu haben.
Stefan Müller, M. Sc., Doktorand, Department of Political Science, Trinity College Dublin.
Rubrizierung: 2.22.3313.13.42.223.5 Empfohlene Zitierweise: Stefan Müller, Rezension zu: Heiko Giebler / Aiko Wagner (Hrsg.): Wirtschaft, Krise und Wahlverhalten Baden-Baden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38830-wirtschaft-krise-und-wahlverhalten_47385, veröffentlicht am 03.09.2015. Buch-Nr.: 47385 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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