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Autonome Theorien – Theorien der Autonomen?

Robert Foltin

Autonome Theorien – Theorien der Autonomen?

Wien: Mandelbaum Verlag 2015 (kritik & utopie); 192 S. ; brosch., 15,- €; ISBN 978-3-85476-631-5
Welche Theorie – wenn überhaupt eine – steckt hinter den Aktivitäten der Autonomen? Dieser Frage ist der Band gewidmet und sie konfrontiert den Autor sogleich mit dem Problem, dass es „die“ Autonomen so nicht gibt. Robert Foltin, der seine Nähe zu dieser Bewegung nicht verhehlt, ist klar, dass das Etikett als Sammelbecken für höchst disparate Strömungen der antiautoritären Linken dient, wie sie sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts entwickelt haben. Insofern ist es wenig überraschend, aber dennoch folgerichtig, wenn seine Antwort lautet: viele! Die Studie ist in drei große Blöcke unterteilt. Foltins Analyse der die autonome Szene gegenwärtig stimulierenden theoretischen Debatten und Impulse im zweiten und umfassendsten Teil geht eine Darstellung von deren theoretischen Vorläufern voraus. Die enge Verzahnung von politischen Bewegungen und Theoriebildung stets einbeziehend, wird dabei auf den Anarchismus, den Anarchosyndikalismus und den Rätekommunismus eingegangen. Als zeitgenössisch wirkmächtige Diskursstränge behandelt Foltin sodann vorrangig aktuelle Spielarten des Anarchismus, den italienischen Operaismus und den Insurrektionalismus. Etwas randständiger werden die Einflüsse antiimperialistischen und internationalistischen, aber auch des (queer)feministischen Denkens behandelt. Im dritten Block widmet Foltin sich abschließend konkreten politisch‑sozialen Aktivitäten der Autonomen. Mag dies in einer Theoriestudie zunächst vielleicht verwundern, so ist ein solches Vorgehen nur konsequent, wenn Theorie als „Teil der emanzipatorischen Praxis“ (15) verstanden wird und ihr somit stets der Anspruch inhärent ist, als Theorie praktisch zu werden. Foltins Bemühen, ein bisher (fast) nicht untersuchtes Feld zu betreten, ist umfassend zu begrüßen und fraglos gewinnen die Leser_innen wertvolle Einblicke. Gleichwohl drängt sich bei der Lektüre die Frage auf, ob eine derart knappe Abhandlung einer solch komplexen Gemengelage gerecht werden kann. Für mit der Materie wenig Vertraute dürfte es auch nach der Lektüre schwierig sein, das Feld zu überblicken.
Paul Sörensen, Dr., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Lehrstuhl für Politikwissenschaft/Politische Theorie, Universität Augsburg.
Rubrizierung: 5.435.42 Empfohlene Zitierweise: Paul Sörensen, Rezension zu: Robert Foltin : Autonome Theorien – Theorien der Autonomen? Wien: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38811-autonome-theorien--theorien-der-autonomen_46289, veröffentlicht am 03.09.2015. Buch-Nr.: 46289 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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