Portal für Politikwissenschaft

Hans Otto Bräutigam

Meine Brandenburger Jahre. Ein Minister außer Diensten erinnert sich

Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg 2015; 279 S.; 22,99 €; ISBN 978-3-945256-24-4
„Trotz aller Rückschläge und Enttäuschungen war ich dankbar, im Oktober 1990 dem Ruf aus Potsdam gefolgt zu sein“ (271), konstatiert Hans Otto Bräutigam mit Blick auf seine fast zehnjährige Dienstzeit als brandenburgischer Justiz‑ und Europaminister. Dass er dieses Amt übernehmen würde, kam für ihn völlig überraschend. Als er von Johannes Rau gefragt wurde, ob er in das Kabinett Stolpe wechseln wolle, war er erst ein Jahr lang Botschafter der Bundesrepublik bei der UNO und hatte sich „auf einen längeren Aufenthalt“ (27) in New York eingestellt. Gleichwohl entschied sich der Diplomat, der von 1982 bis 1989 Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost‑Berlin gewesen war, für eine politische Karriere in Brandenburg: „An dem, wie ich annahm, schwierigen Einigungsprozess mitwirken zu können, empfand ich als eine selbstverständliche Pflicht“ (28). Allerdings verliefen nicht alle Entwicklungen so, wie es aus Sicht Bräutigams sinnvoll gewesen wäre: Die Ergebnisse der Gemeinsamen Verfassungskommission von Bundestag und Bundesrat, in der er stellvertretendes Mitglied war, empfand er „als enttäuschend. Dass insbesondere die Vorschläge für eine direkte Bürgerbeteiligung und die Staatsziele Arbeit, Wohnen, soziale Sicherung und Bildung nicht berücksichtigt wurden, hat die Akzeptanz des Grundgesetzes in den neuen Ländern erschwert. Hier ist eine Chance vertan worden“ (90). Welche Schwierigkeiten beim Aufbau eines neuen Bundeslandes konkret zu bewältigen waren, schildert Bräutigam eindrücklich, sodass sein Buch einen lesenswerten Einblick in das erste Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung gewährt. Mit Blick auf das Justizwesen stellt er fest: „Wir hatten also viel zu wenige Richter für eine rasch steigende Flut von Eingängen […]. Überall musste improvisiert werden. Von dem in der alten Bundesrepublik üblichen Perfektionismus waren wir meilenweit entfernt“ (60). Für die erste Legislaturperiode zieht Bräutigam dennoch ein positives Fazit, habe er doch mit der Neuordnung des Justizwesens „meine wichtigste Aufgabe […] erfüllt“ (152). Nach weiteren fünf Jahren war er jedoch „amtsmüde“ und nach Gefängnisausbrüchen, die in seinen Verantwortungsbereich fielen, „ein angeschlagener Minister“ (245).
Hendrik Träger, Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Magdeburg und Lehrkraft für besondere Aufgaben, Institut für Politikwissenschaft, Universität Leipzig.
Rubrizierung: 2.3152.32.35 Empfohlene Zitierweise: Hendrik Träger, Rezension zu: Hans Otto Bräutigam: Meine Brandenburger Jahre. Potsdam: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38794-meine-brandenburger-jahre_47016, veröffentlicht am 27.08.2015. Buch-Nr.: 47016 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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