Portal für Politikwissenschaft

Autonomie

Michael Pauen / Harald Welzer

Autonomie. Eine Verteidigung

Frankfurt a. M.: S. Fischer 2015; 328 S.; geb., 19,99 €; ISBN 978-3-10-002250-9
Im Vergleich zu früheren Kämpfen um Selbstbestimmung nehmen sich die heutigen, mit dem Anspruch auf Autonomie verbundenen Debatten im Spannungsfeld von Öffentlichkeit und Privatsphäre sowie von Sicherheit und Freiheit wie Rückzugsgefechte aus. Zunächst erfährt der Leser in diesem Band anhand eindrücklicher Beispiele jedoch, dass in Sachen Autonomie keine einfachen Antworten zu erwarten sind. So setzen Michael Pauen und Harald Welzer den Begriff der Autonomie in Beziehung zu Heteronomie (Fremdbestimmtheit) und Anomie (Unbestimmtheit), Konformität und Freiheit. Sie verorten Autonomie schließlich als natürliche Eigenschaft von Personen in einem wandelbaren Spannungsgefüge unhintergehbarer Sozialität. Die Parallelen zu dem, was Norbert Elias mit seinem Begriff der Figuration zum Ausdruck bringen will, sind unübersehbar. Der Geschichte selbstbestimmten Handelns, ihren philosophischen Vorstellungen und Begründungen sowie ihren gesellschaftlichen Bedingungen wird entlang der Rahmenperspektive des Zivilisationsprozesses nachgegangen. Historische Episoden und sozialpsychologische Versuche zeigen anschließend, dass autonomes Handeln gegen Widerstände äußerst zerbrechlich ist und fließend in konformistisches Handeln übergehen kann. Mit dieser Erkenntnis im Hintergrund wird die Verfassung von Autonomie im gegenwärtigen Spannungsfeld beleuchtet. Hier sehen die Autoren besonders die gestiegenen Transparenzerwartungen und die breite Orientierung an kurzfristigen Komfortvorteilen als Triebfedern einer zunehmenden Akzeptanz, sich den Spielraum des selbstbestimmten Handelns einschränken zu lassen. Das meinungsfreudige Buch liefert eindrucksvolle Belege für Christian Postbergs analytische Unterscheidung von figurativen und prozessualen Autonomie‑Abhängigkeitsbalancen („Macht und Geld“, siehe Buch‑Nr. 46385) und zeigt, dass die Verteidigung von Autonomie sowohl gegenüber konkreten Organisationen als auch gegen scheinbar verselbstständigte Megatrends an zwei Fronten verläuft.
Hendrik Claas Meyer, M. A., Politikwissenschaftler und Soziologe, Universität Bayreuth.
Rubrizierung: 5.15.422.2 Empfohlene Zitierweise: Hendrik Claas Meyer, Rezension zu: Michael Pauen / Harald Welzer: Autonomie. Frankfurt a. M.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38775-autonomie_47165, veröffentlicht am 20.08.2015. Buch-Nr.: 47165 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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