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Die Rückkehr des Kalifats

Loretta Napoleoni

Die Rückkehr des Kalifats. Der Islamische Staat und die Neuordnung des Nahen Ostens. Aus dem Englischen von Peter Stäuber

Zürich: Rotpunktverlag 2015; 158 S.; brosch., 18,90 €; ISBN 978-3-85869-640-3
Loretta Napoleoni zeichnet den Aufstieg des Islamischen Staates (IS) nach, erläutert die Hintergründe und Ziele der Bewegung und zeigt auf, wie sich der IS von anderen terroristischen Vereinigungen wie Al Kaida oder den Taliban unterscheidet. Dabei vertritt sie die These, dass der IS über die Ressourcen und Strategien zur dauerhaften Staatenbildung verfügt und zwar mehr als jede andere bewaffnete Gruppe. Napoleoni zieht dabei eine historische Linie vom Sykes‑Picot‑Abkommen von 1916, mit dem die französische und die britische Mandatsmacht den Nahen Osten unter sich aufteilten, bis zum Islamischen Staat, der nun „zum ersten Mal seit dem Ersten Weltkrieg“ (11) versucht, die Karte des Nahen Ostens neu zu zeichnen. Der IS hält sich nicht an die im vergangenen Jahrhundert entstandenen nationalen Grenzen des Irak, Syriens und der ganzen Region, sondern will sein „Islamisches Kalifat“ – ein Begriff, der seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches nicht mehr verwendet wurde – unabhängig von diesen Grenzen errichten. Doch nicht nur die territoriale Aufteilung des Nahens Ostens durch die Kolonialmächte kann laut Napoleoni die Tatsache erklären, dass eine terroristische Organisation ein Gebiet größer als Großbritannien, das sich von der syrischen Mittelmeerküste bis tief in den Irak hinein erstreckt, unter ihre Kontrolle bringen konnte. Sie nennt auch das „Zusammenspiel des präventiven Angriffs auf den Irak und, ab 2011, des Bürgerkriegs in Syrien“ (28) als zentrale Ursachen. Ohne den Irakkrieg hätte es den Strategen des Dschihad Abu Musab al‑Zarqawi nicht gegeben, der die historische Führerschaft Al Kaidas infrage stellte und den alten Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten wieder anfachte; laut Napoleoni eine „Schlüsselstrategie“ (28) auf dem Weg zur Wiedererrichtung des Kalifats. Und ohne das Machtvakuum, das der Krieg in Syrien erzeugte, wäre es Abu Bakr al‑Baghdadi wohl nicht gelungen, sich selbst als neuen Kalifen zu installieren. Insgesamt kommt Napoleoni zu dem Ergebnis, dass das multipolare internationale System neue Möglichkeiten für jene eröffnet hat, die „die Regeln des Spiels durchschaut haben“ (133), und dass der IS diese neuen Möglichkeiten sehr effizient und effektiv für sich nutzt. Die Autorin gilt als Expertin für die ökonomischen Grundlagen des internationalen Terrorismus und ist wissenschaftliche Beraterin der Vereinten Nationen.
Christiane J. Fröhlich, Dr., Soziologie mit Schwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung, wiss. Mitarbeiterin, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Hamburg.
Rubrizierung: 2.632.232.254.41 Empfohlene Zitierweise: Christiane J. Fröhlich, Rezension zu: Loretta Napoleoni: Die Rückkehr des Kalifats. Zürich: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38744-die-rueckkehr-des-kalifats_47027, veröffentlicht am 13.08.2015. Buch-Nr.: 47027 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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