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Ein klerikales Jahrzehnt?

Kristian Buchna

Ein klerikales Jahrzehnt? Kirche, Konfession und Politik in der Bundesrepublik während der 1950er Jahre

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2014 (Historische Grundlagen der Moderne ); 613 S.; geb., 98,- €; ISBN 978-3-8487-1230-4
Diss. Augsburg; Begutachtung: A. Wirsching, P. Gassert. – „Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte der Bundesrepublik waren die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Vertretung kirchlicher Interessen so günstig wie in ihren Gründerjahren“, schreibt Kristian Buchna, denn einerseits gehörten 96 Prozent der Bevölkerung einer der beiden Kirchen an, andererseits genossen sie „durch ihr anwaltliches Auftreten gegenüber den Besatzungsmächten […] ein hohes Ansehen in der Bevölkerung [...], von dem sie auch nach der Gründung der Bundesrepublik noch zehren konnten“ (395). Der Autor zeichnet den Einfluss der Kirchen in den 1950er‑Jahren nach und beschreibt den Prozess der Etablierung eigener Dienststellen in der Bundeshauptstadt Bonn: das Katholische Büro Bonn sowie das Amt des Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland am Sitz der Bundesrepublik Deutschland. Sie wurden von der Fuldaer Bischofskonferenz beziehungsweise vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, der EKD, eingerichtet, um den wechselseitigen Informationsfluss zwischen Kirche und Staat zu gewährleisten, dabei ging es beispielsweise um das Schulwesen, die Seelsorge in öffentlichen Einrichtungen oder das Kirchensteuerwesen. Darüber hinaus bestand ihre Aufgabe darin, kirchliche Anliegen frühzeitig in den politischen Entscheidungsprozess einzubringen und sich mit der Ministerialbürokratie zu vernetzen. In ihnen spiegelte sich „die kirchliche Bereitschaft zur politischen Mitgestaltung ebenso wider wie ihr Wille zu einem regelmäßigen institutionalisierten Kontakt zu den staatlichen Organen“ (19). Dabei versteht Buchna die Kirchen als „‚intermediäre Organisationen‘“ (21), die er im politikwissenschaftlichen Sinne zu den Interessengruppen zählt. Der katholische Geistliche Wilhelm Böhler nahm insofern eine Sonderstellung ein, als er zunächst als Unterhändler der katholischen Kirche beim Parlamentarischen Rat fungierte und anschließend Anfang der 1950er‑Jahre das Katholische Büro gründete und leitete – die Rede war gar vom Amt Böhler. Bei den Protestanten nahm Hermann Kunst eine Schlüsselrolle ein, 1950 trat er das Amt des Bevollmächtigten des Rates der EKD an – gesprochen wurde vom Büro Kunst. Anhand einiger Beispiele zeigt Buchna, dass die beiden christlichen Kirchen über ein „beträchtliches Einflusspotenzial“ verfügten, sie standen im politischen Establishment Westdeutschlands, von den Parteien abgesehen, „an erster Stelle“ und fanden in der Adenauer‑Regierung, die „vielfach als ‚klerikal‘ etikettiert“ (528) wurde, Gehör.
Sabine Steppat, Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3132.352.331 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Kristian Buchna: Ein klerikales Jahrzehnt? Baden-Baden: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38733-ein-klerikales-jahrzehnt_45858, veröffentlicht am 13.08.2015. Buch-Nr.: 45858 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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